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Judith Hermann im Gespräch : Mein Sohn findet meine Ängste völlig übertrieben

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Die Frage nach dem Roman. Ich habe drei Bände mit Erzählungen veröffentlicht, und jedes Mal wurde ich gefragt, wann ich einen Roman schreiben werde. Die Vorstellung, diese Frage nicht mehr beantworten zu müssen, fand ich ausgesprochen luxuriös. Aber diese Vorstellung war auch verbunden mit dem Gefühl, sich trauen zu müssen, den Boden unter den Füßen aufzugeben, noch über das Maß, das man sich beim Schreiben ohnehin schon trauen muss, hinaus. Ich mag es, beim Schreiben die Kontrolle zu behalten, und eine Erzählung kann man viel besser kontrollieren. Man geht in den Erzählraum hinein und sieht, wenn man sich umdreht, wie man hinein gekommen ist, und man sieht auch, wie man wieder rauskommen wird. Einen Roman zu schreiben war für mich wie die Arbeit in einem Bergwerk, einem Tunnel: Man steigt in den Schacht, verliert den Einstieg aus den Augen, und der Ausgang ist noch lange nicht in Sicht. Ungefähr auf Seite 43 habe ich verstanden, dass ich nun wirklich im Berg bin und dass ich erst rauskomme, wenn ich es zu Ende bringe, die Geschichte zu Ende erzähle. Und dieses Gefühl war fast klaustrophobisch.

Sie siedeln das in einem Akt der Gewalt kulminierende Geschehen in einer stillen, ja idyllischen Vorortsiedlung an. Warum?

Weil es leichter ist, diese Bedrohung in einer stillen Vorortsiedlung zu evozieren? Ich wollte einen unverankerten Ort, eine seltsame Form von Stille, etwas Statisches, ein Randgebiet in jeder Hinsicht. Ein Ort, der überall sein kann, englisch oder amerikanisch oder nordisch. So wie ein Trailerhaus, ein Haus, das man irgendwohin fahren, überall abstellen kann. Dieses Bedrohliche, das ja aus dem Nichts zu kommen scheint, funktionierte in dieser Vorortsiedlung gut. Hätte der Ort einen Namen gehabt, wäre schon das eine Art Beruhigung gewesen.

Eine Variation des Motivs der Vergänglichkeit des Glücks ergibt sich aus dem Beruf Ihrer Protagonistin Stella. Sie ist Altenpflegerin. Wie haben Sie das recherchiert?

Ich habe das nicht wirklich recherchiert. Ich habe eine ganze Weile meine Schwiegermutter begleitet, als sie auf solche Dienste angewiesen gewesen ist, ich habe eine Freundin, die als Assistentin für hilfsbedürftige Menschen arbeitet, meine Großmutter war lange bettlägerig, zu Zeiten, als es noch keine Pflegedienste gab. Ich habe Freunde, die dreißig, vierzig Jahre älter sind als ich. Mir ist diese Welt nicht fremd.

Ihre Schilderung der alten Menschen ist unüblich: frei von Klischees, aber nicht gerade tröstlich. Von den Personen, die sie einmal waren, ist wenig übrig.

Oh, das finde ich nicht. Man könnte auch sagen, die Personen, die sie einmal waren, sind auf ihr Wesentliches gekommen. Auf das, was sie eigentlich sind. Mir war es sehr wichtig, autonome Figuren zu schreiben, die am Ende ihres Lebens einige Weisheiten zu vermitteln haben, schwierige, schöne Rätsel, die man so oder so oder völlig anders verstehen kann. Einmal sagt Esther: Je länger du die Zäsuren dehnst, die dir im Leben zugefügt wurden, desto mehr kannst du sie begreifen und annehmen. Diese Menschen scheinen zu wissen: Ja, es gibt nicht viel, was am Ende des Lebens bleibt, aber etwas gibt es immer, etwas Unscheinbares, anscheinend Kleines. Sie haben ein Fazit. Und sei es das Fazit, dass es keine endgültigen Weisheiten gibt.

Der Beginn der Beziehung von Mister Pfister zu Stella ist seltsam poetisch, einer der Alten verwendet ja sogar den Begriff des coup de foudre.

Der erste Brief von Mister Pfister ist wie ein rätselhafter Liebesbrief, und Stella lässt das auch für sich selbst lange in der Schwebe: Was kündigt sich da eigentlich an, was kann sich vielleicht entwickeln? Da nutzt einer eine offenbar bestehende Lücke in dem scheinbar so geschlossenen System ihres Alltags, eine Lücke, die ihr dadurch vielleicht erst bewusst wird. Und auf eine Weise will sie auch sehen, was daraus werden kann. Wie weit kann das gehen?

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