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Jubiläum der Sammlung Prinzhorn : Verrückt nach Kunst

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Outsider, Art brut oder doch einfach Künstler? Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg hat gute Gründe, den Durchbruch von Außenseitern des Kunstsystems zu feiern. Das geht nicht ohne romantische Missverständnisse.

          Handelt es sich bei Werken von Hölderlin oder Robert Walser um Outsider-Literatur, war van Gogh ein Maler der Outsider-Art? Niemand käme auf die Idee, Dichter oder Künstler dieses Ranges im Nachhinein so zu charakterisieren. Der Outsider-Begriff, 1972 entstanden, war zwar gut gemeint, aber auch ausgrenzend, und Ausstellungen, die Werke etablierter Künstler gleichberechtigt mit Kunst von „besonderen Menschen“ zeigen, sind leider nach wie vor selten.

          Was daran liegen mag, dass der Bedarf nach Kategorien im Umgang mit der Bilderproduktion eine größere Rolle spielt als Ad Reinhardts auch hier beherzigenswerte Maxime: „Kunst ist Kunst, alles andere ist alles andere.“ Und Jean Dubuffet, dem Protagonisten der Art brut, kam es ja ebenfalls allein auf die Ausdruckskraft einer nur aus inneren Welten entstandenen Kunst an. Die Biographien der Künstler interessierten ihn nicht: „Wir sind der Ansicht, dass es ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken wie eine Kunst der Magenkranken oder Kniekranken gibt.“

          Seine Hochachtung galt Hans Prinzhorn, dem Kunsthistoriker und Assistenzarzt der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, der als einer der Ersten die künstlerische Kraft von Bildern seelisch kranker Menschen erkannte und von 1919 bis 1922 etwa fünftausend Werke von Patienten psychiatrischer Anstalten sammelte. 1922 veröffentlichte er sein epochemachendes, lange vergriffenes, gerade wieder nachgedrucktes Werk „Die Bildnerei der Geisteskranken“. Eine faszinierende Lektüre: Prinzhorn geht es nicht um psychologische Erklärungen, wie er schreibt, sondern um ästhetische Fragen, um eine „Wesensschau“. Erst 2001 bekam die Sammlung Prinzhorn ein Museum im einstigen Hörsaal der Neurologie, jetzt wird das zehnjährige Bestehen mit der Ausstellung zum Thema „Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn“ begangen.

          „Alles andere“ à la Reinhardt waren für Alfred Kubin zum Beispiel die Lebensdaten der Menschen, deren Kunst ihn zutiefst bewegte, als er 1920 die entstehende Sammlung Prinzhorn besuchte: „Die Arbeiten für sich berührten mich wie meinen kunstliebenden Freund gewaltig stark durch ihre geheime Gesetzmäßigkeit“, äußerte er: „Wir standen vor Wundern des Künstlergeistes, die aus Tiefen jenseits alles gedanklich Überlegten heraufdämmern.“ Prinzhorn schenkte er sein Bild „Drohender Zusammenstoß“ von 1905, das einem Aquarell des Patienten H., „Planeten-Zusammenstoß“, erstaunlich ähnelte.

          Unscharfe Grenzen

          Einer der stärksten Eindrücke dieser Schau - selbst ohne die Übermalungen von Arnulf Rainer - sind Oskar Volls scharf konturierte schwarzweiße Zeichnungen von bewegungslosen, steifen Polizisten und Soldaten mit den akribisch ausgeführten Epauletten. Für den Schneider Oskar Voll, einen verwirrten, oft aggressiven Patienten, bedeutete die Strenge seiner „Menschen als Gussform“, die er mit solcher Präzision darstellte, den Versuch, endlich Halt in den Ungereimtheiten seines Daseins zu finden. Entstanden sind eindringliche und allgemeingültige Bilder über Ordnungswahn, die uns auch ohne Kenntnis des biographischen Hintergrunds berühren und wohl zu den Werken gehören, die für Prinzhorn „das schizophrene Weltgefühl“ der damaligen Zeit spiegelten.

          Die Grenzen zwischen etablierter und anderer Kunst können fließend sein. Ernst Ludwig Kirchner, der von Nervenkrisen gequält oft Kliniken aufsuchen musste, fand im Privatsanatorium des großen Arztes Binswanger, wo er 1917/18 lebte, durch die Bilder einer Mitpatientin zu neuer Schaffensfreude: Else Blankenhorn, Tochter einer großbürgerlichen Karlsruher Familie, sah sich als Ehefrau von Kaiser Wilhelm II., malte aber „mit außerordentlich feinem Gefühl für die Farben ihre Visionen“, wie Kirchner fand - beider Gemälde laden hier zum Vergleich ein.

          „Dezemberfreude: ich bin dein Tod“ steht unter dem kindlichen und greisenhaften Kopf, den ein Patient 1918 zeichnete - ein Werk, das bedrängender und unheimlicher ist als der „G-Kopf“, den Baselitz 1960 nach einer Abbilung schuf. Max Ernst hat mit seinem „Oedipe“ den „Wunder-Hirthen“ des Patienten Natterer jedoch ganz wundersam verwandelt. 1922 schenkte er Paul Eluard das neue Prinzhorn-Buch. Es wurde zur „Bilderbibel“ der Surrealisten um André Breton, der 1948 Lobendes über „Die Kunst der Geisteskranken. Das Tor zur Freiheit“ schrieb. Nach der sehenswerten Schau jetzt - und nachdem Harald Szeemann ja schon 1963 in Bern die erste Nachkriegsausstellung jener Kunst mit ihrer großen „Intensität in Bild und Inhalt“ zeigte - sollte man also das Etikett „Outsider-Art“ endlich einmal neu überdenken.

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