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Jubiläum der Berliner Philharmonie : Ein Weinberg in der Riesenkathedrale

Einst umstritten, später weltweit kopiert: Hans Scharouns Berliner „Weinberg“-Bühne, hier beim Festkonzert der Philharmoniker unter Simon Rattle Bild: Monika Rittershaus

Vor fünfzig Jahren wurde Hans Scharouns Neubau der Berliner Philharmonie eröffnet. Beim Festkonzert überwog jetzt die Begeisterung für den Bau. Das war nicht immer so.

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          Allerzartest – so muss man es wohl übersetzen – soll dieses Stück klingen: „Si deve suonare questo pezzo delicatissimamente“. Das Programmheft zum Philharmonie-Jubiläum in Berlin gibt diese italienische Anweisung Ludwig van Beethovens zum ersten Satz seiner Sonata quasi una fantasia cis-Moll op.27 Nr.2 wieder. Und Mitsuko Uchida hat das am Sonntag auf dem Klavier auch so gespielt: allerzartest, durchweg so leise, als würde sie uns, die Lippen nur um Haaresbreite vom Ohr entfernt, etwas zuflüstern. Etwas Schlimmes, Vertrauliches – nicht um ihre Seele zu erleichtern, sondern um unsere zu beschweren. Wir hätten es zu leicht genommen, wenn sie laut geworden wäre, hätten uns in beschaulicher Betrachtung gewiegt. So aber saßen wir mittendrin, konnten nicht fort aus dieser Finsternis, in der man nicht einmal den Mond mehr scheinen hörte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Genau darum aber ging es: Mit diesem Stück sowie mit György Kurtágs folgendem ...quasi una fantasia...op.27 Nr.1 zu zeigen, dass man in diesem wunderbaren Saal, der am 15.Oktober 1963 eingeweiht worden ist, alles hört. Dass man hier, vor knapp zweitausendfünfhundert Menschen, so spielen kann, als säße man mit jedem Einzelnen allein ganz dicht beisammen. Hatte der Architekt Hans Scharoun diesen Bau von der Musik und nicht von Repräsentationsbedürfnissen her entworfen, so antwortete das Festkonzert nun darauf mit einem Programm, das die Möglichkeiten des Saals hervorkehrte.

          Energetische Zuckungen erfüllen den Raum

          Giovanni Gabrielis Canzon septimi et octavi toni a12, im Jahr 1597 für die besondere Akustik im Markusdom zu Venedig komponiert, machte den Anfang. Drei Blechbläsergruppen zu je vier Stimmen verfielen auf den Emporen in wortlose Wechselrede: chorischer Klang als körperhaft inszenierte Person im Raum.

          Wolfgang Rihm hielt sich mit solcher Theatralik in seinem Auftragswerk In-Schrift 2 etwas zurück. Auch bei ihm gab es zwar sechs Klarinetten und drei Schlagzeuger, die sich rings durch den Saal die Klänge zuwarfen wie Taue über eine Schlucht. Aber der Komponist wollte die Räumlichkeit satztechnisch in seine Musik für ein großes Orchester aus Bläsern, Schlagzeug, Harfen und ausschließlich tiefen Streichern „eingeschrieben“ wissen. Diese Räumlichkeit fußt zunächst auf Prinzipien der Gestaltpsychologie. Am Anfang steht eine klare Figur-Grund-Konstellation, wenn sich die Einwürfe des Englischhorns von der dunkel-warmen Grundierung der Klarinetten abheben. Später wird der Orchesterklang als Energie im Raum begriffen, die sich stauen und entladen kann, wobei sich im Verklingen wechselnde Farben herausfiltern lassen. In der sinnlich packenden Schönheit und der fasslichen Dramaturgie stellt dieses Stück, wie oft bei Rihm, schnell eine Affinität zum Hörer her.

          Manch einer wollte gar nicht erst kommen

          Gestaffelt setzten die Streicher der Berliner Philharmoniker auch Ralph Vaughan Williams’ Fantasia on a Theme by Thomas Tallis um: Hinter dem großen Orchester saß ein Doppelquartett mit Kontrabass; zudem löste sich aus dem Hauptorchester noch ein Solistenquartett. Doch neben der echten Raumvertiefung beeindruckte vor allem die virtuelle. Simon Rattle ließ die Musiker am Anfang so einsetzen, als wäre der Klang schon da, bevor wir ihn hören konnten; als käme er von weit her und würde am Ende auch – mit dem Nachhall einer Riesenkathedrale – in die Ferne entschwinden. Mit einem solchen Musizierideal hatte sich Herbert von Karajan seinerzeit vehement für den kühnen Entwurf Scharouns eingesetzt. In diesem Saal könne das Berliner Philharmonische Orchester – so der damalige Chefdirigent – das lange, weiträumige Ausschwingen mit dem besonderen Atem am Beginn und am Ende einer musikalischen Phrase optimal proben und wiedergeben.

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