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Journalistin Carolina Andrade : Was will Ecuador mit Julian Assange?

  • -Aktualisiert am

Sitzt in der ecuadorianischen Botschaft in London fest: Julian Assange Bild: Sang Tan/AP/dapd

Unser kleines Land Ecuador versteht nicht viel vom Fall Assange. Aber wenn es gilt, sich als souveräner Staat zu beweisen und die Engländer zu ärgern, sind wir dabei.

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          „Eine souveräne Entscheidung.“ Immer wieder hat sich die Regierung von Ecuador mit diesen Worten auf den stattgegebenen Asylantrag von Julian Assange bezogen. Wir Ecuadorianer sind entzückt, schließlich leben wir seit fünf Jahren unter der Regierung der Bürgerrevolution, verkörpert von Präsident Rafael Correa, hören flammende Reden über das souveräne Vaterland, das heilige Vaterland. Wir boten fruchtbaren Boden für einen solchen Diskurs, nach Jahrzehnten der Instabilität und des wirtschaftlichen Desasters, die unser Land geschüttelt haben, obwohl wir eigentlich die Anweisungen der großen nördlichen Mächte und der internationalen Wirtschaftsorganisationen befolgten.

          Doch jetzt ärgern wir die Mächtigen, ohne uns vom Fleck zu rühren, locken sie aus der Reserve, verleiten sie zu Fehlern. Mit einer Geste, die uns laut den Spielregeln zusteht, die aber Großbritannien missfällt (dessen erste Reaktion die Drohung war, unsere diplomatische Vertretung in London zu erstürmen), Amerika missfällt (die darauf beharren, nichts mit der Sache zu tun zu haben), Schweden missfällt (das sich gekränkt gibt). Finten des Schwächeren, die den Stärkeren zwingen, sich neu zu positionieren. Die impulsive Freude der Ecuadorianer entspringt bei der Mehrheit nicht der Sympathie für Assange, sondern der Genugtuung, den Briten eine lange Nase drehen zu können. Man könnte es mit Maradonas Handtor vergleichen, nur dass der Fußballgott die Regeln verletzte, die ecuadorianische Diplomatie aber nicht. Wir sind fast in Feierstimmung.

          Willkommene britische Drohung

          Kennen Sie Ecuador? Es ist ein wunderschönes, vielfältiges südamerikanisches Land. Es hat dreizehn Millionen im Großen und Ganzen sehr liebenswerte Einwohner. Der regionalen Tendenz entsprechend haben wir eine linksorientierte Regierung, was bedeutet, dass wir optimistisch einen Sozialismus des einundzwanzigsten Jahrhunderts leben, den allerdings niemand so recht definieren kann. Rafael Correa erfreut sich größter Beliebtheit, und seine Regierung wird innerhalb wie außerhalb der Landesgrenzen gelobt. Zugegeben, unser Erziehungssystem ist noch immer das schlechteste in der Region. Kaum jemand liest in unserem Land. Wir sind nicht darin geübt, die Ereignisse, in die wir verstrickt sind, zu analysieren und in den Zusammenhang zu stellen.

          Die Regierung weiß das, weshalb sie es geschickt vermieden hat, sich in der Debatte um den komplizierten Fall Assange-Wikileaks zu äußern. Der Fauxpas – gelinde ausgedrückt – des britischen Außenministeriums, Ecuador zu drohen, Großbritannien sei berechtigt, den diplomatischen Status des Botschaftsgeländes zeitweilig aufzuheben, war für unsere Regierung eine willkommene Gelegenheit, international Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und eine offizielle Richtigstellung Großbritanniens zu verlangen. Die mächtige staatliche Pressemaschinerie wurde darauf angesetzt, die Beleidigung publik zu machen. Lateinamerikanische Organisationen wie Alba (Bolivianische Allianz für die Völker unseres amerika) oder Unasur (Union südamerikanischer Staaten) haben bereits ihre Unterstützung zugesagt, die OEA (Organisation Amerikanischer Staaten) wird es wohl bald tun. Präsident Correa beteuert, London werde politischen Selbstmord begehen, sollte es unsere Botschaft stürmen. Unser Außenminister beteuert, wir seien keine Kolonie. Derweil stärken wir Ecuadorianer unserer Regierung den Rücken, indem wir auf den Straßen skandieren: „Wir sind keine Monarchie, unser Land ist souverän.“

          Die Medienmacht in staatlicher Hand

          Es entspricht einer linksgerichteten Haltung, Assange für seine Arbeit mit Wikileaks zu verteidigen, allerdings der einer aufgeklärten Linken, die ihre Gedanken in Leitartikeln, akademischen Diskussionen oder auf Podien vertritt, die dem Volk nicht zugänglich sind. Wikileaks hat ein scheinbar unantastbares System der Informationsverwaltung gesprengt, hat die offiziellen Diskurse ins Wanken gebracht und Texte und Fotos verbreitet, die Zeugnis von dem inneren Fäulnisprozess geben, der üblicherweise eine Regierung charakterisiert, die nach dem Motto handelt: „Alles ist legitim, wenn es unseren Interessen dient.“ Die aufgeklärte Linke applaudierte und wollte mehr. Noam Chomsky beglückwünschte Ecuador und fügte hinzu: „Jedes anständige Land sollte Julian Assange Asyl gewähren.“

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