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DFB-Skandal : Märchen von tausendundeiner WM

Die „Spiegel“-Story über den DFB hat einige aus der Spur gebracht. So hielt „Focus“-Gründer Helmut Markwort die Artikel für unwürdig - und wurde dafür abgewatscht. Doch so ein Journalisten-Theater kann man auch ganz alleine aufführen.

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          An Häme über den „Spiegel“ hat es zuletzt nicht gemangelt. Doch die ist spätestens mit dem Rücktritt des DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach verstummt. Wir wissen immer noch nicht genau, was mit den 6,7 Millionen Euro geschah, die der Deutsche Fußballbund auf Reisen schickte, um die Fußball-WM 2006 nach Deutschland zu holen. Doch dass Franz Beckenbauer das Papier gezeichnet haben soll, in dem die ominöse Zahlung erwähnt wird, scheint klar.

          Bis zum vollständigen Beweis der These, dass es bei der Akquise des später so genannten „Sommermärchens“ nicht ganz koscher zuging, fehlt nicht viel. Insofern hatte die Titel-Geschichte des „Spiegels“, mit der das Magazin die Entwicklung ins Rollen brachte, zwar Ladehemmung, aus einigen der Konjunktive, mit denen die Recherche versehen war, ist inzwischen aber ein Indikativ geworden. Und nun nehmen sich auch die Einlassungen des „Sport Bild“-Chefredakteurs Alfred Draxler und des „Focus“-Gründers Helmut Markwort denkbar peinlich aus. Draxler ließ auf den DFB und Beckenbauer nichts kommen und teilte gegen den „Spiegel“ aus („Der ,Spiegel‘ muss jetzt Beweise bringen! Sonst haben wir neue Hitler-Tagebücher“, twitterte er); Markwort fand die Artikel der Kollegen aus Hamburg komplett unwürdig, er hätte das nicht veröffentlicht.

          Per Twitter entschuldigt

          Den „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer wurmte das derart, dass er die beiden im Kommentar abwatschte: Wären wir nicht beim Fußball und dessen Verbandswelt, sondern in der Politik, würden die Herren als „Fans und Handlanger der Regierenden entlarvt“. Einer der Fans, Alfred Draxler, hat sich inzwischen entschuldigt (ebenfalls per Twitter). Wie man so ein Journalisten-Theater ganz allein aufführt und sich selbst vors Schienbein tritt, das hat indes der Chefredakteur des Hessischen Rundfunks, Alois Theisen, gezeigt. Zuerst, am 3. November, stellte er im Kommentar der ARD-„Tagesthemen“ dem DFB einen Persilschein aus: „Das Sommermärchen kann Deutschland niemand mehr nehmen. In diesem Sinne waren die 6,7 Millionen Euro gut angelegt und jeden Cent wert. Von mir aus gibt es dafür mildernde Umstände.“

          Sechs Tage später, im ARD-„Brennpunkt“ zum DFB-Skandal, gab Theisen dann den Großinquisitor: „Die WM 2006 war kein Märchen, sie war schlicht gekauft für 6,7 Millionen Euro.“ So laute die Anklage des „Spiegels“. Die, fügen wir an, zwar noch nicht ganz bewiesen ist, sich aber schon zuvor verdichtet hatte. Theisen sollte sich also nicht wundern, wenn man ihn fortan für einen Märchenerzähler hält: Er trägt Märchen von tausendundeiner WM vor.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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