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Johannes Willms wird 70 : Die guten Zeitungsjahre, die ihr kennt

Journalist und Historiker Johannes Willms. Bild: Picture-Alliance

Gerade der Unernst kommt aus profunder Bildung: Dem Journalisten und Historiker Johannes Willms zum 70. Geburtstag.

          Auch früher war das Feuilleton früher sehr viel besser als heute – das war schon damals so, in jener Zeit, da Johannes Willms der Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“ war, in jenen neunziger Jahren also, welche allen, die dabei waren, als Schreiber oder Leser, als gute, heitere Zeitungsjahre in Erinnerung geblieben sind. Aber Willms war vom Fernsehen zur Zeitung gekommen, vom Kulturmagazin „Aspekte“, das er vier Jahre lang geleitet und moderiert hatte; und diese Herkunft allein war sehr vielen Kollegen schon Anlass genug, daran zu zweifeln, dass einer wie er den nötigen Ernst und die nötige geistige Schwere mitbringe, welche doch zum Amt des Feuilletonchefs zu gehören schienen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wobei ihm, wenn wir uns richtig erinnern, ähnliche Vorbehalte auch schon begegneten, als er auf dem Bildschirm der Kultursendung erschien: zu elegant, zu gut aussehend; und dann hatte er auch noch die unangenehme Angewohnheit, durch seinen ganzen Habitus zu signalisieren, dass er sich von schlechter Kunst jedenfalls nicht die gute Laune verderben lassen würde. Wo doch das Publikum der „Aspekte“ zwanzig Jahre lang vor allem den männlichen Moderatoren dabei zugesehen hatte, wie sie die besorgten Blicke durch die Lesebrille, die hängenden Mundwinkel des Kulturpessimismus sowie die Körperhaltung des an kulturell induziertem Magendrücken Leidenden zur offiziellen Haltung des Kulturbürgers erklärten.

          Johannes Willms ist gelernter Historiker und ein durch und durch politischer Kopf; ein Kritiker der Künste allenfalls im Nebenberuf. Natürlich erklärte auch das die Vorbehalte, mit denen er zu kämpfen hatte, in der Musik-, Film- und Verlagshauptstadt München, die ja nicht einfach bloß Standort der Zeitung ist, sondern, in ihrer sinnlichen, musikalischen und antiautoritären Eigenart, eine ihrer wichtigsten geistigen Ressourcen.

          Er setzte das sogenannte politische Feuilleton durch

          Aber als Willms anfing, im Sommer 1992, war es höchste Zeit für einen wie ihn. Vorbei waren jene Achtziger, in denen sich politisch tatsächlich so wenig bewegt hatte, dass man das, worum es geistig und kulturell ging, im Medium der Film-, Theater- und Literaturkritiken angemessen verhandeln konnte. Die Mauer war weg, die „Wirklichkeit blutete wirklich jetzt“ (wie Botho Strauß damals sagte); und die neue Rechte, die Stasi-Akten der DDR-Literatur oder der Zerfall Jugoslawiens waren Phänomene, die im Feuilleton reflektiert werden mussten – aber nicht in Form von Rezensionen.

          Willms setzte auch in München das sogenannte politische Feuilleton durch; auch wenn die (durchaus mächtigen) Stammleser sich mehr Musikkritiken wünschten und die Kollegen aus dem politischen Ressort manchmal vom „Zeugs“ sprachen, das im Feuilleton stehe. Wobei Willms’ sprezzatura, seine geistige Nonchalance die Gegner immer reizten. Aber einer wie er, der so belesen ist, so ein profunder Kenner der Kunstgeschichte, würde lieber schweigen, als dass er anfinge, mit seiner Bildung herumzuprotzen. Im Gegenteil, wenn seine lebenslange Beschäftigung mit französischer Geschichte und Literatur (er hat lesenswerte Bücher über Stendhal und Balzac, Napoleon und die Revolution geschrieben) eine Konsequenz im Leben hat, dann die, dass die Lebenskunst zwingend zu den schönen Künsten gehört.

          Man lebt im Feuilleton ja oft über seine geistigen Verhältnisse; dass man zum Ausgleich auch mal über seine finanziellen Verhältnisse leben sollte, zum Beispiel in anständigen Restaurants, das war immer Willms’ Botschaft. Einmal führte er einen sehr schmächtigen Korrespondenten aus, und auf die Spesenquittung schrieb er als Bewirtungsgrund: „Vorbereitung eines Angriffskriegs“. Heute wird er siebzig Jahre alt. Man kann von ihm nicht nur solch profunden Unernst lernen; den aber auch.

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