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Berliner Hochschuljubiläum : Preußens guter Ton: Joseph Joachim

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Der Geiger und Komponist Joseph Joachim (1831-1907), Gründungsdirektor der Königlichen Hochschule für Musik Berlin. Bild: J. G. Schaarwächter/Archiv der UdK Berlin

Vor 150 Jahren wurde die Hochschule für Musik Berlin gegründet. Zugleich erschien Richard Wagners Hetzschrift „Das Judentum in der Musik“. Berlin erinnert an ein denkwürdiges Doppeljubiläum.

          Um „den Verfall“ der deutschen Kultur aufzuhalten, der ihr von „der wimmelnden Viellebigkeit von Würmern“, dem „Geplapper“ und „Gelabber“ ihrer Sprache, dem „Gegurgel“ und „Gejodel“ ihrer Musik drohe, sei die „gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements“, also aller Juden in Deutschland, in Erwägung zu ziehen, schrieb Richard Wagner in seinem Pamphlet „Das Judentum in der Musik“. Das war im Jahr 1869, vor hundertfünfzig Jahren. Genau im gleichen Jahr betraute Preußens König Wilhelm I., bald deutscher Kaiser, den Geiger Joseph Joachim, aus jüdischer Familie stammend, mit der Gründung und Leitung der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin, der ersten staatlichen Ausbildungsstätte für Musiker in Preußen. Joachim, der schon als Dreizehnjähriger in London das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven unter der Leitung von Felix Mendelssohn Bartholdy gespielt hatte, galt als einer der besten Musiker der Welt. In Berlin wurde er zur Institution. Bei den regelmäßigen Konzerten seines Streichquartetts gehörten Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke und der Maler Adolph Menzel zu den Stammgästen.

          Berlins Universität der Künste (UdK), die sich als Nachfolgerin der Königlichen Hochschule sieht, feiert nun heute Abend das Jubiläum auf denkwürdige Weise: Eine Hommage an Joseph Joachim bringt nicht nur seine eigene Musik mit der seiner lebenslangen Freunde Clara Schumann und Johannes Brahms zusammen, sondern das Jubiläum auch in Verbindung mit Wagners Hetzschrift. Sie erschien 1869 nicht einfach nur in zweiter Auflage und unter Klarnamen (1850 war der Erstdruck noch anonym geblieben), sondern als Erweiterung, Bekräftigung und „Überwölbung“ der ersten Fassung, wie der Musiksoziologe Christian Kaden es einmal formulierte. Dass die UdK beides zusammenbringt, ist richtig und wichtig. Denn Wagners willige Vollstrecker, Randalierer der SA, warfen im Jahr 1935 unter dem Ausruf „Juden raus!“ im Foyer der Hochschule Joachims Büste – 1899 gestaltet von Adolph von Hildebrandt, dort am 5. Juni 1913 aufgestellt – in den Müll. Erst 1982, zum 150. Geburtstag Joachims, wurde die Büste wieder aufgestellt.

          Beatrix Borchard hat in ihrem Buch „Stimme und Geige. Amalie und Joseph Joachim“ diese Geschichte erzählt. Zu Joachims Geschichte gehört aber auch, dass das deutsche Kaiserpaar 1879 ein Solidaritätskonzert Joachims für Berlins Juden in der Synagoge Oranienburger Straße besuchte – als Demonstration gegen die Antisemitenpetition des Historikers Heinrich von Treitschke. Die Erinnerung an Joachim ist auch die Erinnerung an ein Preußen, das anders war als die Fratze, zu der die Nazis es entstellten.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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