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Jonathan Franzens Dialektik : Akopalüze nau!

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Vielleicht wenigstens nicht ganz so qualvoll verenden: „Die bevorstehende Katastrophe verschärft jedoch die Dringlichkeit fast aller Maßnahmen zur Verbesserung der Welt.“ Bild: dpa

Den Versuch, die Klimakatastrophe noch aufzuhalten, findet der Schriftsteller Jonathan Franzen kafkaesk. Das ist allerdings auch ein Essay, den er nun im „New Yorker“ veröffentlicht hat.

          3 Min.

          Was ist schlimmer, Klimawandel oder Katzen? Durch unfaire Verkürzung, wie sie den sozialen Medien innewohnt, sah sich der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen vor einiger Zeit mit dem Vorwurf konfrontiert, er neige womöglich zu der Antwort: Katzen. Dabei hatte er nur anhand seiner liebsten Tiergruppe – den Vögeln – darauf aufmerksam gemacht, dass dieser von vielen Seiten Ungemach drohe, darunter auch solches, das nichts mit Klimawandel zu tun habe: etwa durch Verkleinerung des Lebensraumes und eben durch Katzen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht nur bei Katzenliebhabern, auch bei Aktivisten gegen den Klimawandel und solchen, die sich dafür halten, kam das nicht gut an. Und schwupps war Franzen zum Klimawandel-Leugner abgestempelt. Weil er das nicht auf sich sitzen lassen mochte, ist der Autor des Romans „Die Korrekturen“ seither um Korrektur dieses Missverständnisses bemüht.

          Er zweifele nicht am vom Menschen verursachten Klimawandel; vielmehr sei der bereits unaufhaltsam, die Katastrophe unabwendbar, sagte Franzen diesen Sommer gleich in mehreren Interviews, etwa mit dem „Deutschlandfunk“ und der „Literarischen Welt“. Aus dieser Einsicht folge für ihn aber nicht fatalistische Untätigkeit, sondern das Engagement zur Überwindung kleinerer Probleme, die tatsächlich noch lösbar seien. Aber ein realistischer Pragmatiker werde in Zeiten utopistischer Prediger eben nicht gern gehört.

          Es gibt keine Hoffnung

          Diese Position hat Franzen nun noch einmal ausgearbeitet für einen Essay im „New Yorker“. Er trägt den Titel „What if we stopped pretending?“ – was, wenn wir aufhörten, so zu tun, als könnten wir das bittere Ende noch abwenden? Die „Klima-Apokalypse“ komme doch so oder so, heißt es in dem Text. Dessen weitere Gedankenbewegung indes ist etwas schwieriger zu verstehen als dieser apodiktische Satz.

          Der Versuch, den Kohlendioxidausstoß so drastisch zu senken, dass man die Erderwärmung vor dem angenommenen „point of no return“ bremsen könnte, mute kafkaesk an, so Franzens nicht allzu origineller Einstiegsvergleich: Er erinnere an literarische Figuren, die ihren scheinbar erreichbaren Zielen letztlich kein Stück näherkommen.

          Jonathan Franzen bei einem Auftritt in New York, 2015

          Wirklich kafkaesk allerdings ist die Essenz seines Essays, die in etwa lautet: Es gibt keine Hoffnung mehr, also haben wir welche! Denn nachdem Franzen noch einmal detailliert dargelegt hat, wie unwahrscheinlich eine Abwendung der Katastrophe ist, und mit Sarkasmus jene kritisiert, die suggerieren, man könnte sie noch „stoppen“, kann er schließlich auch nicht anders, als vor dem Weltuntergang noch ein Bäumchen zu pflanzen.

          Die Klima-Aktivisten, die noch glauben, etwas ändern zu können, vergleicht Franzen mit Religionsführern. Sie nehmen an, ohne ein Erlösungsversprechen würden sich die Menschen gar nicht erst anstrengen, sich gut zu benehmen. Das sei Unsinn: Auch Ungläubige könnten nett zu ihren Nachbarn sein. Wer einsehe, dass auch vermeintlich „grüne“ Rettungsideen uns nicht retten, sondern teils noch schaden (Palmölgewinnung für Biokraftstoffe in Indonesien, Windfarmen in Kamerun), der werde die dafür ausgegebenen Milliarden lieber in Katastrophenhilfe für jetzt existierende Krisengebiete investieren.

          Also lasst uns welche haben!

          Franzen rät allen, ihre eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, mithin „jeden Tag an den Tod zu denken anstelle des Frühstücks“. Weil er aber doch wohl spürt, dass man der gerade aufbrechenden Generation Greta schlecht sagen kann: „Ihr werdet alle qualvoll verenden, dessen seid gewiss, bevor ihr auch nur irgendwas anfangt!“, vollzieht der stolze Pessimist dann doch noch eine überraschende dialektische Wende: „Die bevorstehende Katastrophe verschärft jedoch die Dringlichkeit fast aller Maßnahmen zur Verbesserung der Welt“, schreibt er unvermittelt. In Anbetracht der Apokalypse sei im Grunde jeglicher Verbesserungsimpuls heute eine Klimaschutzmaßnahme: ob für faire Wahlen, Bekämpfung extremer Vermögensungleichheit oder „das Abschalten der Hassmaschinen in den sozialen Medien“.

          So gelangt Franzen zu einer Art existenzialistischem Aktivismus: „Kurzfristig sind jedoch halbe Maßnahmen besser als keine Maßnahmen. Eine Halbierung unserer Emissionen würde die unmittelbaren Auswirkungen der Erwärmung etwas mildern.“ Dies aber ist doch womöglich nichts anderes als das, was auch die wildesten Optimisten mit ihrem Aktivismus im Sinn haben. Wollen wir am Ende vielleicht alle dasselbe? Franzen hat zumindest eines schon erreicht: Er hat, nach zuletzt eher drögen Zeiten seiner Essayistik, wieder einmal einen amüsanten Text geschrieben.

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