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Jón Gnarr im Interview : Es wäre einfach für mich, Islands Präsident zu werden

Ja, ständig. Ich habe mich oft gefragt: Wieso zum Teufel mache ich das? Was versuche ich zu beweisen? Und manchmal habe ich auch bereut, die Sache überhaupt angefangen zu haben. Wir haben auch darüber gesprochen, ob ich zurücktreten kann. Was mich gerettet hat, war die Partei. Ich hatte zwar die Idee mit der Kandidatur, aber ich war eben auch Teil der Gruppe. Dann bekam ich einen Klaps auf den Rücken, und es ging wieder.

Spielte dabei auch ein gewisses Pathos eine Rolle? Nach dem Motto: Ich schulde das den Leuten, sie haben mir ihr Vertrauen gegeben.

Ja, ich halte mich für eine sehr verantwortungsbewusste Person. Ich sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen mir und Frodo. Ich trug den Ring. Es gibt die Versuchung, seine Macht zu benutzen, aber du weißt: Wenn du das tust, wird dich der Ring absorbieren. Und manchmal war ich so frustriert, dass ich ihn einfach wegwerfen wollte. Manchmal hatte ich einfach Angst.

Gnarr: „Als ich zum ersten Mal im Fernsehen gesagt habe, dass ich mich in ein Thema erst einarbeiten muss, haben die Menschen diese Offenheit sehr geschätzt.“

Wenn Sie vom Ring sprechen: Hat Sie die Politik verändert?

Ich bin reifer geworden, aber meine Persönlichkeit hat es nicht verändert. Darauf haben viele Menschen gewartet. Sie haben gesagt: Wartet nur, bald redet er auch wie ein Politiker. Ich bin keiner geworden, aber ich musste dagegen ankämpfen. Das war nicht einfach. Man macht sich sehr angreifbar, wenn man öffentlich seine Schwächen eingesteht. Das hatte zum Teil sehr surreale Züge. In einem Winter hatten wir einmal sehr viel Schnee, es schneite ständig, dazwischen fror alles ein, es war sehr schwer, die Straßen frei zu bekommen. Wir haben in Island natürlich Spezialisten für so was, aber auch die hatten Probleme. In einem Fernsehinterview wurde ich dann gefragt: Warum bricht der Verkehr zusammen, was tun Sie dagegen? Ich sagte: Na ja, das liegt in erster Linie daran, dass es schneit. Ich kann nicht viel dagegen tun. Aber die Stadt muss damit zurechtkommen, hieß es dann. Ja, sagte ich, wir tun unser Bestes, aber es ist einfach so viel. So viel Schnee. Die meisten Leute haben mich verstanden. Ich meine, wir leben in Island, da schneit es eben.

Und umgekehrt: Haben Sie die Politik verändert?

Ja, ich glaube, das habe ich. Wie stark, kann ich nicht sagen. Ich denke, ich habe viele Menschen inspiriert, in die Politik zu gehen. Und ich habe einen angenehmeren, effektiveren Stil der politischen Kommunikation eingeführt. Als ich zum ersten Mal im Fernsehen gesagt habe, dass ich mich in ein Thema erst einarbeiten muss, habe ich mich anschließend sehr über mich geärgert. Wie konnte ich nur so ein Idiot sein. Aber die Menschen haben diese Offenheit sehr geschätzt. Sie fanden das brillant, sie hatten es noch nicht erlebt, dass ein Politiker das zugibt. Ich vergleiche die Beste Partei gerne mit dem ersten Säugetier im Land der Dinosaurier. Wir sehen vielleicht klein und unbedeutend aus, aber wir werden uns durchsetzen.

Im Juni endet Ihre Amtszeit, Sie wollen nicht noch einmal kandidieren. Stand das von Anfang an für Sie fest?

Ja.

Ist das auch ein Grund dafür, dass Sie sich Dinge erlauben konnten, die sich Politiker, die wiedergewählt werden wollen, nicht erlauben können?

Ich kandidierte damals, das war nach der Finanzkrise, weil ich tatsächlich dachte, jemand wie ich könnte etwas zum Wiederaufbau der Gesellschaft beitragen, auf meine naive, kitschige Weise. Für etwas Positives stehen, etwas Lustiges, das Vertrauen in die Gemeinschaft wiederherstellen. Die etablierten Parteien waren unfähig, diese Probleme zu lösen, weil sie so sehr Teil des Problems sind. Und ja: Wir konnten Entscheidungen treffen, die andere sich nicht trauten. Ich bin kein Politiker, ich strebe keine politische Karriere an. Es wäre ziemlich einfach für mich, Präsident von Island zu werden.

Im Ernst?

Ja, ich glaube, wenn ich kandidieren würde, würde ich gewählt. Aber das interessiert mich nicht. Wenn ich weitermachen würde, müsste ich mich ändern, dann müsste ich wirklich Politiker werden.

Haben Sie keine Angst, dass Ihr Nachfolger alles zerstört, was Sie verändert haben?

Was aus der Besten Partei entstand ist eine echte politische Partei, die Helle Zukunft. Im Sommer wurden sie auch ins Parlament gewählt. Viele Leute, die in der Besten Partei aktiv waren, werden wieder kandidieren, unter anderem mein politischer Berater. Er hat ganz gute Chancen, zum nächsten Bürgermeister zu werden. Ich mache mir keine Sorgen, ich glaube nicht, dass alles ruiniert wird. Und was die politische Kommunikation betrifft, die mir sehr wichtig ist: Die kann nur besser werden. Ich habe noch ein Projekt, dass ich gerne verwirklichen würde, ich will Reykjavík zur militärfreien Zone machen. Aber ich habe ja noch 149 Tage.

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