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Miet-Enkel Ralf Gawel (rechts) reicht Genaro Gomez ein Getränk – wie jeden Tag. Bild: Steve Przybilla

Firma „Join Papa“ in Amerika : Helfen „Miet-Enkel“ gegen die Einsamkeit?

  • -Aktualisiert am

Wer alt ist und keine Angehörigen hat, die sich um einen kümmern, kann sich in den USA über „Join Papa“ fremde „Verwandte“ auf Zeit gegen Geld ins Haus holen. Wie der ehemalige Schauspieler Genaro Gomez.

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          Von außen sieht man die Einsamkeit nicht. Der Rasen ist gepflegt, im Vorgarten stehen Blumenkübel und kleine Plastikwindräder. In dem kleinen Bungalow in Miami könnten ein junges Paar oder eine Familie mit Kindern leben. Doch der Hausherr ist 92 Jahre alt, lebt allein und kommt ohne fremde Hilfe nicht mehr zur Tür.

          Genaro Gomez sitzt in einem Sessel im Wohnzimmer: Kapuzenpulli, Wollmütze, Sauerstoffschlauch unter der Nase. Im Haus ist es kühl und dunkel, die Jalousien sind zugezogen. „So kann ich besser entspannen“, sagt Gomez. Um ihn herum steht alles, was er im Alltag braucht: ein kleiner Kühlschrank, eine Schüssel Bananen, ein Schränkchen mit Medikamenten. Per Fernbedienung und Handy kann er nicht nur den Fernseher steuern, sondern auch die Überwachungskameras in seinem Garten. „Meine Kommandozentrale“, sagt der 92-Jährige und lacht.

          Früher hat er in Kalifornien gelebt, als Schauspieler und Tänzer gearbeitet, immer war was los. Sogar in der Westernserie Bonanza hat er mitgespielt, wie er stolz per Youtube-Video beweist. Heute will er nur noch seine Ruhe: „Ich bin froh, dass ich allein wohne. So kann mir wenigstens niemand vorschreiben, was ich zu tun habe.“

          Doch dann kam die Pandemie. Gomez’ Assistentin, die sonst für ihn einkauft und kocht, wurde krank. Die Pfleger aber hatten für alles, was über körperliche Pflege hinausgeht, schlicht keine Zeit. Als 92-Jähriger ohne Familie und Freunde fühlte sich Genaro Gomez plötzlich sehr hilflos. „Zwei Tage lang hatte ich nichts gegessen. Ich wusste nicht, wen ich anrufen sollte. Kein Essen, kein Geld, keine Unterstützung.“

          Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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          Im Internet stieß er auf die Firma „Join Papa“, die sogenannte Miet-Enkel vermittelt: junge Leute, die älteren Menschen gegen Bezahlung Gesellschaft leisten. In vielen Fällen übernimmt das die Krankenversicherung, so auch bei Genaro Gomez. Denn längst ist klar, dass Einsamkeit nicht nur aufs Gemüt schlägt, sondern krank macht. Der Sozialverband AARP beziffert die Kosten, die dem amerikanischen Gesundheitssystem durch vereinsamte Menschen entstehen, in einer Studie auf 6,7 Milliarden Dollar pro Jahr. In Großbritannien gibt es seit 2018 sogar eine Einsamkeitsministerin.

          Jeden Morgen um 10 Uhr steht nun Ralf Gawel bei Genaro Gomez vor der Tür. Der deutsche Auswanderer hat mit seinen 67 Jahren das Enkelalter zwar schon ein wenig überschritten. Genaro Gomez bezeichnet ihn trotzdem als „jungen Burschen“. Gawel mixt einen Grünkohl-Smoothie, brät ein Spiegelei, setzt sich ins Wohnzimmer, um mit seinem „Großvater“ zu plaudern. Bevor sie über Philosophie reden, fällt ihm Genaro Gomez aber noch einmal ins Wort. „Der Smoothie ist bitter“, befindet der Senior und gibt den Plastikbecher zurück. „Jawohl, King Gomez“, antwortet Gawel.

          Viel Zeit bleibt nicht für Gespräche, die Krankenversicherung zahlt nur für eine Stunde täglich. Manchmal bleibt Gawel länger – er sieht sein Miet- Enkel-Dasein nicht als Job, eher als Ehrenamt. „Ich bin geschieden, habe aber zwei Kinder“, sagt Gawel, der jahrelang als TV-Produzent gearbeitet hat. „In der Pandemie habe ich mich oft gefragt, wie es älteren Menschen gehen muss, die gar keine Bezugspersonen mehr haben.“ Dass Miet-Enkel nur zwischen elf und 14 Dollar pro Stunde verdienen, mache ihm nichts aus. „Für mich ist das kein Geschäft, sondern ein Gewinn. Wir können so viel von älteren Menschen lernen.“

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