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Firma „Join Papa“ in Amerika : Helfen „Miet-Enkel“ gegen die Einsamkeit?

  • -Aktualisiert am
Gomez war Schauspieler und hat bei „Bonanza“ mitgespielt. Gerne zeigt er die Aufnahmen.
Gomez war Schauspieler und hat bei „Bonanza“ mitgespielt. Gerne zeigt er die Aufnahmen. : Bild: Steve Przybilla

Für das vermittelnde Unternehmen ist es allerdings sehr wohl ein Geschäft. Laut eigenen Angaben bietet „Join Papa“ bereits in 20 US-Bundesstaaten seinen Dienst an. 500 Mitarbeiter arbeiten für die Firma, seit der Gründung 2016 haben Miet-Enkel 500.000 Besuchsstunden absolviert. Zu Umsatz und Gewinn schweigt sich die Firma aus; Investoren haben rund 150 Millionen Dollar in das Unternehmen gesteckt – eine sichere Geldanlage in einem Land, in dem schon heute jeden Tag 10.000 Menschen ihren 65. Geburtstag feiern. Firmengründer Andrew Parker ist 34 Jahre alt. Manchmal fährt er selbst zu den Seniorinnen und Senioren, die sich bei „Join Papa“ registrieren. Dass er der Chef ist, verrät er nicht, damit sich niemand komisch vorkommt. „Mein Großvater war in einer sehr ähnlichen Situation“, erklärt Parker. „Er hatte acht Enkel, die aber alle berufstätig waren. Ich habe lange Zeit eine Person gesucht, die mit ihm einkaufen geht, ihn zum Arzt fährt, mit ihm fernsieht oder einfach nur ein bisschen Zeit mit ihm verbringt.“ Weil es eine solche Dienstleistung nicht gab, gründete er sie schließlich selbst – „Join Papa“ war geboren.

Doch lässt sich Gesellschaft einfach so kaufen wie ein Stück Toastbrot oder eine Banane? Ist es kein Armutszeugnis für ein Land, dass Miet-Enkel überhaupt nötig sind – vor allem dann, wenn echte Verwandte oder Nachbarn helfen könnten? Andrew Parker hat diese Fragen schon oft gehört. Statt eine Grundsatzdiskussion zu führen, möchte er mit seiner Firma lieber konkrete Abhilfe schaffen. Auch er habe keine Zeit gehabt, seinem (inzwischen verstorbenen) Großvater immer zur Seite zu stehen. Aber er habe sich um professionelle Hilfe bemüht. „Es geht hier nicht nur ums Geld“, betont auch er. „Viele unserer Paare werden echte Freunde.“

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So bizarr das Miet-Enkel-Modell für deutsche Ohren auch klingen mag: Bedarf gäbe es auch hierzulande. Bereits heute gibt es zahlreiche Onlinedienste, durch die Seniorinnen und Senioren mit der Welt in Kontakt bleiben können – vom Yogakurs bis zur Videokonferenz beim Onlinedoktor. Mit „Silbernetz“ existiert bereits eine Hotline, bei der einsame Menschen anrufen können (Tel. 0800 4 70 80 90). Dass irgendwann auch noch Miet-Enkel hinzukommen, erscheint in einer alternden Gesellschaft nur logisch. „Wir würden gerne nach Deutschland expandieren“, sagt Andrew Parker. „Aber nur, wenn die gesetzlichen Krankenkassen dafür bezahlen.“ Anfrage beim AOK-Bundesverband: Wäre ein solcher Dienst in Deutschland denkbar? Der Pressesprecher antwortet, dass soziale Isolation „eine riesige gesamtgesellschaftliche Herausforderung“ darstelle. Miet-Enkel gehören seines Wissens noch nicht zum Repertoire der Krankenkassen. Ausschließen will er es für die Zukunft aber nicht.

Gleichzeitig besteht die Sorge, dass Kriminelle das System ausnutzen könnten, auch bei „Join Papa“, wenngleich das niemand so offen sagt. Da es sich um keine pflegerischen Tätigkeiten handelt, haben die meisten Miet-Enkel keine Ausbildung im Umgang mit älteren Menschen. Schon in Pflegeheimen gibt es immer wieder Fälle von Misshandlungen oder Diebstählen. Parker sagt, man schaue bei Bewerbungen sehr genau hin. Auch könnten sich die Miet-Enkel permanent weiterbilden.

Manchmal kommt es trotzdem zu seltsamen Begegnungen. Genaro Gomez, der 92-jährige Rentner aus Miami, hatte zunächst einen anderen Miet-Enkel. „Ein lustiger junger Kubaner“, sagt Gomez. Leider habe es immer nur ein Thema gegeben, über das der reden wollte: seine Besuche bei Prostituierten. Dafür, sagt Gomez, sei er dann doch ein wenig zu alt.

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