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Coltranes verschollenes Album : Im Olymp des Jazz sitzt alles

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John Coltrane (am Saxophon) und die Musiker seines Quartetts - McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones Bild: Jim Marshall Photography LLC

Fünfzig Jahre nach seinem Tod erscheint ein verschollenes Album des Saxophonisten John Coltrane. Mit spektakulärer Besetzung. Die Jazzwelt ist in Aufregung.

          5 Min.

          Für John Coltrane war es vermutlich nur ein Tag wie jeder andere. Im März 1963 spielte er fast jeden Abend im New Yorker „Birdland“, bereitete Aufnahmen mit dem Sänger Johnny Hartman vor, plante das Album „Impressions“. Schlief kaum. Aber am 6.März fuhr er, mitten im prall gefüllten Kalender, doch noch mal nach Englewood Cliffs, direkt auf die andere Seite des Hudson River, in das Studio des Tonmeisters Rudy Van Gelder. Das Studio, in dem ein Großteil der Jazzgeschichte zwischen 1954 und 1970 entstand. Einen Tag lang nahm Coltrane dort auf, mit seinem ersten Quartett, dieser unter Jazzfans so legendären Formation. Der harmonisch kühne McCoy Tyner saß am Piano, Jimmy Garrisson spielte seinen wuchtigen Kontrabass, Elvin Jones trommelte, als gäbe es keine Regeln und keine Zwänge. Abends nahm Coltrane das Tonband mit nach Hause und vergaß es offenbar in einer Kiste, in der es 55 Jahre verbrachte.

          Coltranes Frau Naima nahm das Band nach der Scheidung mit. Ihre Familie hat es nun entdeckt und mit Coltranes Sohn Ravi fertigproduziert. Ende des Monats erscheint die Aufnahme unter dem Titel „Both Directions at Once: The Lost Album“ bei Impulse, dem damaligen Label Coltranes. Sie enthält sieben Tracks, zwei davon haben gar keinen Namen. Die anderen sind Stücke, die das Quartett damals oft live spielte. Vom eleganten Klassiker „Vilia“ über „Impressions“, eines der bekanntesten Stücke Coltranes, hier aber in einer kristallklaren Version ohne Piano, bis hin zu „One Up, One Down“, in dem die Band mit voller Kraft das Ohr überrollt.

          Das größte Quartett der Jazz-Geschichte.

          Die Session fand an einem Wendepunkt in Coltranes Schaffen statt. Anfang der Sechziger hatte Coltrane sich endlich gefunden. Nach einem steinigen Weg als Wunderkind, das immer wieder fällt. Er flog 1951 aus der Band von Dizzy Gillespie, 1957 aus dem Quintett von Miles Davis. Immer wegen Alkohol und Heroin. Am Tiefpunkt unternahm Coltrane den kalten Entzug, auf eigene Faust, in seinem Haus in Philadelphia. Seine Stieftochter Antonia, damals noch keine zehn Jahre alt, ist heute noch traumatisiert und bricht in Tränen aus, wenn sie von den Schreien jener Nächte erzählt. Aber Coltrane rettete sich. Ende 1959 war er clean. Und noch besser als vorher. Was dann kommt, ist das größte Quartett in der Geschichte des Jazz. (So nennt es der Doors-Drummer John Densmore in der Dokumentation „Chasing Trane“, die man derzeit etwa auf Netflix ansehen kann.) Also genau die Besetzung, deren Album nun aufgetaucht ist.

          John Coltrane (rechts) und McCoy Tyner

          Einen Wendepunkt markiert das Album, weil das klassische Quartett hier auf der Höhe seines Könnens steht. Coltrane wird danach immer mehr experimentieren. Das Quartett löst sich nach und nach auf, Trane, wie ihn alle nennen, wird ein wahrer Avantgardist, „Ascension“ vom Februar 1966 ist Free Jazz.

          „Both Directions at Once“ heißt das verlorene Album auch, weil es den klassischen Coltrane in seiner vollen Größe zeigt, aber auch den Moment, ab dem er sich in immer luftigere Höhen aufmacht. Auf dieser Platte hallt der Bebop nach, es gibt aber auch Reminiszenzen an Miles Davis’ „Kind of Blue“ von 1959. Die überschäumende Grenzenlosigkeit des späten Coltrane klingt nur an. Sosehr Coltrane heute als Ikone gefeiert wird, Zeitgenossen warfen ihm Mitte der Sechziger immer wieder vor, den Jazz „in die falsche Richtung“ zu führen, und selbst sein Meisterwerk „A Love Supreme“ ist ja in Gänze nicht unbedingt leicht durchzuhören. Der ganz späte Trane wird schrill, krass, das Publikum verlässt die Konzerte in Scharen. Fans sagen, er war seiner Zeit zu weit voraus. Coltrane stirbt 1967 mit nur 40 Jahren an Leberkrebs, seine letzte Phase ist für die echten Jünger, die sich ohne Proviant ins Ungewisse aufmachen wollen. Auf der Platte, die Impulse jetzt herausbringen wird, hört die Welt noch einmal den Coltrane, den jeder liebt: genial, aber noch verständlich, kraftvoll, aber noch nahbar.

          Im Strudel der Möglichkeiten

          Wenn jetzt auf der ganzen Welt die Musikmedien verrückt spielen, das Internet und die Druckerpressen anhalten wollen, ist das auch ein Indiz dafür, wie mittelmäßig der aktuelle Jazz funktioniert. Wer bei heutigen Bands hinhört, kann Michael Wollnys Trio entdecken oder den harten Fusion von Snarky Puppy, einen zu alter Form zurückgekehrten Brad Mehldau, kraftvolle junge Musiker wie Dirty Loops oder Jacob Collier. Sie alle sind bekannt in der Szene, teils Weltstars, aber das heißt etwas ganz anderes als damals – eben erstaunlich viel weniger. So ist die weltweit nun grassierende bizarre Verehrung für das neue Coltrane-Album („als hätte man eine neue Kammer in der großen Pyramide entdeckt“, „der heilige Gral des Jazz“, „wie Beethovens Zehnte“, „Sensation“) in ihrer Maßlosigkeit ein trauriger Indikator dafür, wie sehr Jazz nur in Rückschau auf vergangene große Zeiten wirklich lebt.

          Das darf andererseits nicht daran hindern, diesen erstaunlichen Fund zu genießen. Wenn Saxophon und Piano einmal zwei Atemzüge verschnaufen müssen, Jones ein Fill-in zu „One Up, One Down“ trommelt – und er tut es immer wieder, weil er weiß, dass man davon nicht genug bekommen kann –, ist der Jazz auf dem Höhepunkt dessen, was er überhaupt kann: Alles greift ineinander, die Band wird zu einem Organismus, der alles vollbringen könnte. Einen „Strudel der Möglichkeiten“ nannte Carlos Santana die Musik von Coltrane einmal. Hier schauen wir mitten hinein.

          Surfen auf gefährlichen Wellen

          Beethoven, Bach, Coltrane, diese Namen hört man in einem Atemzug immer wieder mal, es könnte sein, dass der Saxophonist Sonny Rollins – der nun auch das Beiheft zu dem neuen Album schrieb – einst in einem Interview damit angefangen hat. Aber diese Reihe ist leider Unsinn. Bach und Beethoven haben die musikalische Sprache, mit der wir heute leben, erst erfunden und ihre Grenzen immer weiter verschoben. Coltrane nicht, er bleibt Jazzer und bewegt sich als solcher innerhalb eines Idioms. Aber er lehnt sich immer gegen die Ränder dessen, was gerade noch möglich ist. Darin liegt sein Genie. Und darin, das alles so unglaublich leicht klingen zu lassen.

          Fest und fast hart ist der Ton Coltranes, so wie man ihn kennt, selbst in der Ballade „Nature Boy“. Und dann taucht sein Sound in weiche Tiefen hinab, moosige Täler der Musik quasi, in denen man sich gerührt ausruhen möchte, doch dann schießt das Altsaxophon urplötzlich wieder in schwindelnde Höhen, schnell und ruckartig, verliert aber nie den Bogen der Melodie. Das alles klingt so leichthin, als sei es nicht eine Herkulesleistung, ein Stück so sicher zusammenzuhalten.

          Die Nummer, die heute „Untitled Original 11386“ heißt, weil Coltrane sich nie die Zeit nahm, ihr einen Namen zu geben, scheint im Notentext bis zum Turnaround (quasi dem Strophenende) nur zwei Harmonien zu haben, ganz wie „Impressions“, ganz wie „So What“ von Miles Davis, sie ist also ein typischer modaler Jazz. Die perfekte Fläche für große Virtuosen, sich auszutoben. Tyner und Coltrane spielen sich Bälle zu, dass dem Zuhörenden schwindlig werden kann, Coltrane wirft manchmal nur kleine Spitzen hinein, weil er spürt, dass diese Brandung vom Piano ihren Raum braucht. Immer wieder entfachen Sax und Piano damit Feuerwerke, um sich dann punktgenau wieder zu lyrischen, weiten Bögen zusammenzufinden. Elvin Jones verlässt, wie er es immer wieder gern tat, für kurze, schockierende Momente spontan Groove, Takt und Feeling des sonstigen Stücks und macht etwas Verwirrendes, sicher Herrliches, aber eben ganz anderes. Dann gleitet die Musik wie ein Surfbrett auf gefährlichen Wellen, andere Musiker könnte so etwas leicht aus der Bahn werfen. Aber im Olymp des Jazz sitzt alles.

          Der Saxophonist Kamasi Washington, zurzeit vermutlich der größte Star im amerikanischen Jazz, sagte über Coltranes Musik: Sie zu hören ist, als würde man in die Sonne schauen. Insofern ist auch das neue Album mit Vorsicht zu genießen. Man darf sich Zeit damit lassen, es zu verstehen.

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