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Johannes Paul II. : An der Bahre

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Erst jetzt wissen alle: Er ist fort Bild: dpa/dpaweb

Merkwürdig winzig und zerbrechlich ruht der Körper des Papstes unter der Riesenkuppel. Ich bin noch da, scheint er seinen Leuten sagen zu sollen, die stumm in endloser Reihe an ihm vorüberziehen.

          Morgens um halb fünf ist sogar das sonst so laute Rom ganz ruhig. Amseln flöten sich warm für den kühlen Frühlingsmorgen, nur die Zeitungshändler stapeln die Exemplare, die vom politischen Desaster Berlusconis bei den Regionalwahlen künden. Ein Tag wie jeder andere in einer Stadt, die schon so unendlich viele erlebt hat.

          Oder doch nicht? Beim Tiber, in der Nähe von Sankt Peter, wird der Verkehr plötzlich dichter, es geht nur mehr zu Fuß weiter, und dann sieht man die Massen - woher kommen sie nur? - im Dunkel um die Ecken sprinten. Es gilt, die endlos abgesperrte Anlaufspur für den Petersdom zu erreichen, auf der andere bereits die ganze Nacht hindurch auf Einlaß gewartet haben. Im unüberschaubaren Pulk geht es nur trippelweise voran; die Leute sind - meist typische Römer - viel zu dünn für den kühlen Morgen angezogen.

          Endlosschleifen mit Gebeten

          Helfer vom Roten Kreuz, die schon am Schlangenende Mineralwasser verteilten, schleppen Decken herbei. Auf der Via della Conciliazione, die auf den Petersplatz hinausläuft, ertönen Endlosschleifen mit kurzen Gebeten und immergleichem Gloria. Wojtylas markante Riesenbildschirme sind abgeschaltet.

          Warteschlange im Vatikan

          Merkwürdig ruhig und versunken schiebt man sich mit den Massen vorwärts. Kaum jemand redet mit dem anderen, auch gebetet und gesungen wird nicht, einige Jugendliche recken die vorbereiteten Transparente mit Abschiedsgrüßen an ihren Papst in die Höhe. Wen suchen diese Hunderttausende von Pilgern zur ersten Dämmerstunde? Der, der ihre Kirche führte, ist gemäß ihrem Glauben nun woanders. Und doch ist ihnen seine gestorbene Hülle, die alle bereits im Fernsehen gesehen haben, die Kälte und das lange Warten wert.

          Der Gott im Körper des Menschen

          Der christliche Glaube bekennt sich seit den Anfängen gegen jede abstrakte Vergeistigung zu jenem Leib Gottes, der paradoxerweise im Körper eines Menschen steckte. Und so wird auch dieser Mystikerpapst ganz materiell zur Schau gestellt, wie dies bis vor zwei Generationen auf dem Land auch nördlich der Alpen noch üblich war: Der Tote kommt auf den Wohnzimmertisch.

          In Rom hat man dieses haptische Todesritual, das nur uns zimperlichen Modernisten archaisch vorkommt, niemals aufgegeben. Wie man überhaupt den Papst als leibhaftige Glücksgarantie gerne in der Stadt wußte. Nach dem Tod des Pontifex plünderte man im Mittelalter sogleich dessen Familienpalast, um die Einkünfte unters Volk zu bringen. Und noch der protestantische Historiker Ferdinand Gregorovius zeigte sich nach dem Ende des Kirchenstaates fasziniert von der Zurschaustellung des zu Lebzeiten so unnahbaren Pius IX., dessen Prunkpantoffeln von der Berührung der Gläubigen am Ende ganz abgewetzt waren.

          Kindlicher Wunderglaube

          Echte Römer, die sich so gerne pfaffenfresserisch geben, pflegen heute noch einen kindlich naiven Wunderglauben; darum sind sie jetzt mitten in der Nacht mit Kind und Oma und Digitalkamera angerückt, um sich wenigstens vom Anblick ihres toten Hirten Heil zu holen. Denn der Körper von Johannes Paul II. liegt für jede Berührungsmagie unerreichbar auf seinem Prunkbett direkt am Petrusaltar.

          Wenn man nach drei Stunden endlich im sonst so endlos wirkenden Kirchraum ist, geht alles ganz schnell. Ernste und sachliche Herren teilen den Strom und winken die Verharrenden weiter. Merkwürdig winzig und zerbrechlich, mit uncharmantem Wachslächeln ruht der Körper des Papstes unter der Riesenkuppel. Ich bin noch da, scheint er seinen Leuten sagen zu sollen, von denen manche weinen, aber alle vollkommen stumm in endloser Reihe an ihm vorüberziehen. Erst jetzt wissen alle: Er ist fort.

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