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Johannes-Fest-Platz in Berlin : Auch wenn alle mitmachen, ich nicht

Ziviler Widerstand und Eigensinn: Der Platz vor dem Theater in Berlin-Karlshorst ist jetzt nach Johannes Fest benannt Bild: Andreas Pein

Als Gegenspieler der Nationalsozialisten verkörperte er ein Bildungsbürgertum mit Überzeugung: Berlin erinnert endlich an Johannes Fest.

          In der streng-schönen Kirche an der Gundelfinger Straße in Berlin-Karlshorst hat sich eine ungewöhnliche Gemeinde versammelt, Familie, Freunde, Politiker, um einen Mann zu ehren, der vor mehr als sieben Jahrzehnten zu dieser Kirchgemeinde zählte: Johannes Fest. Später, auf dem Platz, der nun nach ihm benannt ist, kommen noch mehr dazu. Hinter dem Zaun im Kirchhof kann man das frühere Wohnhaus der Familie Fest erkennen, dort, wo der ehemalige Feuilletonherausgeber dieser Zeitung, Joachim Fest, seine Kindheit verbracht hat. Vielen hier sind der Ort und auch die Lebensgeschichte von Johannes Fest vertraut - dank der Biographie seines Sohnes Joachim („Ich nicht“, Rowohlt Verlag 2006), in der der Vater mit seiner ungewöhnlichen und folgenreichen Haltung als Nazigegner die eigentliche Hauptfigur ist.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Dass Johannes Fest in diesem Viertel, das man lange auch das „Russenviertel“ nannte, geehrt wird, ist eine überfällige Geste der Stadt Berlin. Der Johannes-Fest-Platz vor dem Theater liegt nur unweit eines anderen historischen Ortes, der heute ein Museum ist. Damals, zu Johannes Fests Karlshorster Zeiten, war es ein Offizierskasino, in dem jedoch in der Nacht zum 9. Mai 1945 der Krieg zu Ende ging - und das verhasste Nazireich endgültig unter. Hier ratifizierte Generalfeldmarschall Keitel die Kapitulationsurkunde - unvergesslich. So wie nun endlich auch der „große Gegenspieler“, wie ihn Martin Walser einmal genannt hat.

          Johannes Fest, Zentrumspolitiker in der Weimarer Zeit und später für die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus, war ein „strenger Katholik“, ein „überzeugter Preuße“ und ebenso „überzeugter Republikaner“ und „bekennender Bildungsbürger“. Scheinbar Widersprüche an sich, die aber, so schreibt Joachim Fest, durch die Kraft der Persönlichkeit zusammengehalten wurden. Und ihn wohl auch darum von Beginn an zum unnachgiebigen Gegner der Nationalsozialisten machten. Früh wird Johannes Fest „staatsfeindlicher Umtriebe“ verdächtigt, weil er nicht schwieg und keinen Zweifel daran ließ, was er von der „Verbrecherbande“ hielt. Er wird im April 1933 als Rektor einer Berliner Grundschule beurlaubt, später endgültig entlassen. Man teilt ihm mit, dass jede weitere berufliche Tätigkeit fortan untersagt sei. Ein Absturz der Familie in die „Povertät“, die vor allem die Mutter zuweilen verzweifeln lässt. Die Kinder aber wachsen so zu freien Geistern heran. Der Schauspieler Ulrich Matthes liest solche Textpassagen aus der Biographie, auf die sich schon alle Festredner bezogen hatten, den Zuhörern auf dem Platz vor, auf dass sich dieser Lebenslauf auch ihnen einbrenne.

          Ein Fundament für den freien Geist der Kinder

          Es ist eine unglaubliche Geschichte vom zivilen Widerstand, ein Tatsachen-Bildungsroman ganz eigener Art. Der gefeuerte Schulrektor hatte schließlich, um wenigstens zu Hause frei zu sein, einen „zweiten Abendbrottisch“ eingeführt, auch für die Söhne. Die er mit dem Satz „Auch wenn alle mitmachen, ich nicht“ aus dem Matthäus-Evangelium einschwor, nichts von dem, was am Tisch in der Hentigstraße besprochen wurde, nach draußen dringen zu lassen. In der Diktatur sei Misstrauen ein Gebot, eine Tugend, man müsse den eigenen Überzeugungen treu bleiben. Eine Kühnheit und auch eine Zumutung und Gefahr, die in unserer heutigen Gesellschaft, die zur Überbefürsorgung neigt, nicht mehr vorstellbar ist.

          Johannes Fest aber hat mit dieser Trennung der öffentlichen von der privaten Welt das Fundament für den freien Geist seiner Kinder gelegt, während draußen die verhassten anderen, „die Verbrecherbande“, die Anpasser und Denunzianten Erfolge feierten. Als die zermürbte Ehefrau ihn bittet, zum Schein in die NSDAP einzutreten, es bleibe doch die Unwahrheit, „das Mittel der kleinen Leute“, lehnt Johannes Fest ab: „Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!“ Ein Anspruch, der auch an die Verantwortung der besonders Begabten, der zum Eigensinn Befähigten erinnert und nicht nur damals aus der Zeit gefallen war.

          Wie viel Hartnäckigkeit es brauchte!

          Für Karlshorst ist diese Erinnerung ein Glücksfall, eine weitere Transformation historischer Erblasten, denn nur kurz nach Kriegsende und Tagen furchtbarer Übergriffe wurde das Viertel von den sowjetischen Siegern brutal geräumt. Nicht nur die Fests verloren damals alles. Ringsum entstand wieder eine Gesellschaft, die Anpassung um den Preis der Freiheit verlangte, mit Mitläufern, Denunzianten, Profiteuren. Es hat lange gedauert, bis auch das Geschichte geworden ist und nun überstrahlt wird vom Erbe Johannes Fests.

          Man hätte verzweifeln können, sagte gestern Nicolaus Fest, der Enkel, wem alles in dieser Stadt Orte gewidmet seien - von Dutschke über Hindenburg bis zu Thälmann -, Personen, „die vergleichsweise wenig für ein demokratisches Gemeinwesen taten“, und wie viel Hartnäckigkeit es brauchte bis zu diesem Tag. Aber jetzt, in Anlehnung an Joachim Fest, ist es, wie es sein soll.

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