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„Johann Holtrop“ von Rainald Goetz : Die böse Botschaft der Literatur

  • -Aktualisiert am

Alle haben gewartet. Und jetzt, knapp dreißig Jahre nach „Irre“, hat Rainald Goetz wieder einen „richtigen“ Roman geschrieben. Es ist ein kaltes, ein schreckliches Buch.

          6 Min.

          Kalt. Das muss doch möglich sein. Einen Roman zu schreiben, in dem die Temperatur auf keiner Seite über den Gefrierpunkt steigt. Ein Kälte-Experiment. So etwas in der Art hat Rainald Goetz, 58, in seinem neuen Buch versucht. Es heißt „Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft“ und ist ein Roman aus der Wirtschaftswelt der nuller Jahre, die Geschichte des Vorstandsvorsitzenden eines weltweit operierenden Medienkonzerns, sein rasanter Aufstieg, sein Absturz, seine Gier, sein Geld, sein Tod. Ein Werk der Fiktion, wobei sich Rainald Goetz alle Mühe gab, die realen Vorbilder seiner Romanfiguren kenntlich zu machen.

          Aber trotzdem: eine Art Fiktion. Und das ist ja erst einmal eine sehr gute Nachricht, denn das Reden über das Scheitern des Schriftstellers Rainald Goetz, der mit dem Psychiatrieroman „Irre“ (1983), der RAF-Geschichte „Kontrolliert“ (1988), der Tanz-Erzählung „Rave“ (1998) und dem Internettagebuch „Abfall für alle (1999) die lebendigsten, irrsten, überraschendsten, energiereichsten Bücher der vorletzten Jahrzehnte geschrieben hatte, das Reden über das Scheitern dieses Rainald Goetz vor der Fiktion war in den letzten Jahren unter den Bewunderern seiner Prosa schon beinah zum Geschrei geworden. Verbrannte Manuskripte, Verzweiflung - jeder meinte, irgendwelche neuen gesicherten Erkenntnisse über gescheiterte Goetz-Projekte mitteilen zu müssen.

          Der Dorfschreiber von Berlin-Mitte

          Währenddessen füllte Goetz mehrere neue Bücher - die jetzt alle tiefblaue Umschläge tragen und zum größeren Werkabschnitt „Schlucht“ gehören - mit immer neuen Weltabschreibereien, die von Seite zu Seite immer ermüdender, ichverkrampfter, kleingeistiger, weltloser, böser und erbsenhafter wurden. Sein Erlebnis- und also Mitschreiberadius ging kaum noch über Berlin-Mitte hinaus, diesen Mini-Planeten, bevölkert von Menschen, die diese Zone für die ganze Welt halten. Und die größte Wichtigkeit maß dieser Welt ausgerechnet jener Mann bei, der vorgab, sie am heftigsten zu verachten. Goetz war so etwas wie der grantelnde, tourettehaft vor sich hin schimpfende Dorfschreiber von Berlin-Mitte geworden.

          Jetzt also, endlich, Öffnung des Blicks, neue Welt, Hoffnung auf Befreiung. So wie es in „Abfall für Alle“ heißt: „Starke Meinungen, heftige Urteile, Idiosynkrasien und asozialer Unsinn setzen im Leser Freiheit frei. Finde ich.“

          Ansätze des altbekannten Tempos

          Die Welt, in die Goetz uns hineinführt, ist also die Vorstandsetage jenes deutschen Medienkonzerns mit Stammsitz in der Provinz, der offensichtlich nach dem Vorbild der Bertelsmann AG gestaltet wurde. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Johann Holtrop trägt viele, viele Züge des einstigen Bertelsmann-Chefs Thomas Middelhoff. Irgendein genauerer Abgleich mit der sogenannten Wirklichkeit ist aber naturgemäß total egal und überflüssig. Es ist ein Roman. Ein Goetz-Roman. Die Frage ist: Wie ist er denn?

          Der Anfang ist klassisch, fremd und märchenhaft, dann harte Schnitte und dann der Sprung, mitten hinein in die Kälte der Welt: „Als die Winter noch lang und schneereich und die Sommer heiß und trocken waren -

          Da stand der schwarzgläserne Büromonolith sinnlos riesig in der Nacht, am Ortsrand von Krölpa, Krölpa an der Unstrut, dahinter die Wälder, die Krölpa nördlich zur Warthe hin abgrenzten, da leuchtete einsam, böse und rot das glutrote Firmenlogo von Arrow PC ...“ Und dann geht alles so rasend schnell und zwingend toll wie in den besten Goetz-Passagen, von diesem Bürohaus direkt zum kaputten Deutschland zu Beginn der nuller Jahre, der Gier von allen, dem Geldwahnsinn zur Totalabrechnung und Klarstellung mal gleich final weiter zum „Phantasma der totalen Herrschaft des KAPITALS über den Menschen. So falsch, so lächerlich, so blind gedacht, so infantil größenwahnsinnig wie, wie, wie -“

          Zerstörungswut als literarisches Problem

          Rainald Goetz hat sich viel vorgenommen mit diesem Roman. Im Grunde natürlich sogar: alles. Er will mit diesem Typen an der Spitze dieses Konzerns die ganze Verkommenheit der Welt, der Wirtschaftswelt, Deutschlands zeigen in diesen Jahren. Einer wie Holtrop, ein Blender, Hasser, Wertevernichter, Schaumschläger und Menschenverächter, Weltverächter, so ein Mann und seine Karriere waren nur möglich in einer vollkommen kompasslosen, von Gier beherrschten Welt: „Holtrops Zukunftsirrsinn war nichts anderes gewesen als eben dies, der Zug der Zeit, getragen von genau diesem Kollektiv geknechteter Kollektivmitläufertypen.“ Den ganz großen Größenwahn seines Projektes hat Goetz ja schon in den Untertitel des Romans hineingelegt: „Abriss der Gesellschaft“. Wenn man den Roman ganz gelesen hat, ist klar, dass es Goetz mit diesem Buch vor allem um die zerstörerische Lesart dieses Untertitels geht. Der Gesellschaft, die hier vorgestellt wird, kann nur durch kompletten Total-Abriss geholfen werden. Mit diesen Menschen, diesem System ist keine Hoffnung möglich.

          Das ist erstens eine etwas deprimierende Botschaft, vor allem aber ist es, je länger der Roman dauert, ein künstlerisches, ein literarisches Problem. Das elektrisierend tolle an den großen Goetz-Momenten in der Literatur waren ja immer diese Momente energiegeladener Plötzlichkeit und Angriffslust aus dem Irgendwo: „Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden, so wie der heftig denkende Mensch lebt. Ich brauche keinen Frieden, denn ich habe den Krieg in mir.“ Und dann kam in diese Prosa erstens ein komplettes Sich-selbst-Hineinwerfen mit hinzu, sei es mit einem Stirnschnitt, sei es mit einer Selbstauslieferung im Text. Ein Sich-selbst-in-Frage-Stellen immer auch. Und zweitens die ständige Bereitschaft, die Seite zu wechseln, die Welt plötzlich von der anderen Seite zu betrachten, ebenso radikal wie zuvor.

          Großartige Szenen und eine rasante Epochenbeschreibung

          Davon fehlt im neuen Roman jede Spur. In diesem Buch werden auf jeder Seite neue Vernichtungsurteile gesprochen. Die Welt dieses Buches kennt ausschließlich egomanische Arschlöcher, Menschen, die jederzeit jedermann ans Messer zu liefern bereit sind, wenn auch nur der kleinste Vorteil für sie herausspringen könnte. Neue Leute werden zum Beispiel so vorgestellt: „Duhm, 40, noch so eine Ratte.“ Das erstaunlichste an dieser eintönigen Abscheu-Inszenierung ist noch der Reichtum des Autors im Erfinden von Deppen-Adjektiven. Denn einen reinen Helden kennt dieses Buch natürlich doch, und das ist der Erzähler, der, mit seinen Vernichtungsnoten herumwerfend, ganz ernsthaft durch diese Romanwelt spaziert: Er ist der Einzige, der weiß, wie’s läuft, der Einzige, der weiß, wie erbärmlich alle sind. Alle, alle außer: Ich. Giftzwergprosa, jämmerlich.

          Dabei gibt es natürlich großartige Szenen. Ein normales Nicht-Gespräch unter Angestellten am Kaffeeautomaten, der Besuch eines teuflischen Geldvermehrers in Holtrops Villa, Schweigen der Chefs, Machtmechanismen oder eine schnelle Epochenbeschreibung wie diese: „Über Weihnachten, zwischen den Jahren, waren in überlangen Nächten die Gespenster der am Elften September in Ground Zero zu Nichts verdampften Existenzen ans Licht gestiegen, weltweit in die Köpfe, die Hirne der Menschen hinein. Der Gedanke RACHE hatte plötzlich unabweisbar Plausibilität. Das Zeitalter der Finsternis war angebrochen.“

          Liebe als Lüge

          Die Menschen werden nicht sympathischer, wenn sie stürzen. Auch Mitleid kennt der Autor nicht. Sein Kälte-Ehrgeiz kühlt den Roman durchgängig auf Todestemperatur. Und das ist auf Dauer nicht nur sehr langweilig und beklemmend, es erzeugt auch den Eindruck eines großen politischen Unernstes und eines Zynismus, den die Welt nicht braucht. Vielleicht ist das sogar noch das größere Versagen, denn eine irrsinnige Wut auf den Kapitalismus und wie er die Menschen und die Welt deformiert, scheint ja doch am Anfang dieses Buches gestanden zu haben. Es ist aber nur die Wut eines Kindes, das vor Wut alles kaputtmacht und das aber weiß, dass es gar nichts kaputtmachen kann, und darüber noch viel wütender wird.

          Der größte Hass im Buch trifft die Besitzerin dieses gigantischen Konzerns: Kate Assberg, die Liz-Mohn-Darstellerin im Roman sozusagen. Sie ist die dunkelste, verachtenswerteste Gestalt. Ihre Beschreibung und die der Feste, die sie ausrichtet, das liest sich wie aus einer „Gala“ für Antikapitalisten. So holzschnitthaft, unglaubwürdig böse, als würde man die Fotos der Jetset-Blätter als Negativ betrachten. Und auch die Liebe, wie sie in diesem Roman vorkommt, ist das jämmerliche Gegenteil der schönen Traumwelt. Sie ist hier ausschließlich vorstellbar als Lüge, Unterwerfung, Berechnung, Machtausübung. Eine besonders verlogene Ausformung des kapitalistischen Systems.

          Ohne Erinnerung an seine eigene Botschaft

          Und doch ist es überraschenderweise eine Frau, die eine halbe Seite lang so etwas wie echte Freiheit verkörpert. Das ist besonders verwunderlich, da im Werk des Rainald Goetz Frauen bisher eigentlich meist als zuverlässig geistfreie Spinatwachteln vorkamen. Hier ist es ausgerechnet die Ehefrau Pia Holtrop, die nach einem Studium der Literaturwissenschaften, dem Großziehen der Kinder im Unterrichten an der Volkshochschule so etwas wie geistige Freiheit erringt. Eine Art Heldin. Ein winziger Lichtmoment, der aber folgenlos bleibt und schnell wieder von der großen Dunkelheit verschluckt wird. Am Ende ist alles einfach nur egal.

          Es war im Mai dieses Jahres, als Rainald Goetz vor Studenten der Freien Universität Berlin eine Vorlesung über das Schreiben hielt. Er hatte eine Botschaft dabei, die wohl irgendwie neu sein sollte: „Mitgefühl ist die frohe Botschaft der Literatur.“ Merkwürdig, dass Goetz sich offenbar nicht einmal selber zuhört. Es hätte dem Roman geholfen, kombiniert mit einer zweiten Wahrheit: Mitgefühl ist nicht nur die Botschaft, es ist sogar die Voraussetzung für Literatur.

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