https://www.faz.net/-gqz-143l3

Jörg Scheinfeld: Der Kannibalen-Fall : Ist der Menschenfresser ein Mörder?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Das Urteil über den „Kannibalen von Rotenburg“ hört nicht auf, die Strafrechtler zu beschäftigen. Jörg Scheinfeld zeigt die grundsätzliche Bedeutung des Falles für die Systematik der Tötungsdelikte.

          Acht Jahre nach einem der spektakulärsten Kriminalfälle der Bundesrepublik ist immer noch keine Ruhe eingekehrt. Insofern scheint die Erwartung, dass ein Strafurteil den verletzten Rechtsfrieden öffentlich wiederherstellen würde, naiv; Gerichte haben kein Deutungsmonopol. Der Täter Armin Meiwes, 2006 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, sitzt zwar im Gefängnis, aber seine abscheuliche Tat und ihre Folgen beschäftigen weiter Justiz, Medien und Wissenschaft. Noch im Juni dieses Jahres lehnte das Bundesverfassungsgericht seinen Antrag auf einstweilige Anordnung ab, mit der Meiwes den Kinofilm „Rohtenburg“ stoppen wollte. Da hatten die Gutachter längst ein Buch publiziert, Meiwes sich vielfach selbst in der Öffentlichkeit exponiert und vermarktet.

          Bernd Brandes war bereits im März 2001 von Meiwes getötet worden. Die Tat vollzog sich auf so unvorstellbare Weise, dass sich mehrere an ihrer Aufklärung beteiligte Ermittler später in psychotherapeutische Behandlung begaben. Ein Journalist, der zum Fall recherchierte, gab zu Protokoll, dass er sich zwischenzeitlich übergeben hatte. Noch jede mediale Darstellung von Täter, Opfer und Tat muss sich entscheiden, wie sie mit den Details des Schreckens, Entsetzens und Ekels umgeht, aber für das Recht ist es eine besondere Herausforderung. Hat es sie gemeistert?

          Der Fall vor Gericht

          Sowohl die Schwurgerichtskammer beim Landgericht Kassel, der Bundesgerichtshof (BGH) als auch das Landgericht (LG) Frankfurt haben sich mit dem Fall beschäftigt. In Kassel gab es 2004 erst eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten wegen einfachen Totschlags. Dagegen ging die Revision der Staatsanwaltschaft mit Erfolg vor, der BGH verwies 2005 die Sache an ein anderes hessisches Gericht zurück. Nach den Vorgaben des BGH kam das Urteil des LG Frankfurt auf lebenslängliche Freiheitsstrafe wegen Mordes im Mai 2006 wenig überraschend, der BGH verwarf 2007 eine Revision des Verurteilten. Meiwes wurde schließlich im Oktober 2008 mit seiner Verfassungsbeschwerde vom Bundesverfassungsgericht abgewiesen.

          Das Buch des Bochumer Habilitanden Jörg Scheinfeld liefert die bisher umfassendste strafrechtliche Auseinandersetzung mit dem Fall. Die kleine, aber gehaltvolle Studie konzentriert sich ausschließlich auf die strafrechtliche Würdigung der Tat. Scheinfeld geht es einzig um die Frage, ob Meiwes ein „Mörder“ ist. Anders als viele juristische Laien glauben, trennt den Mord vom einfachen Totschlag nicht die Vorsätzlichkeit der Tat. Mörder ist laut Gesetz vielmehr jemand, der „aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet“.

          War die Tat ein Mord?

          Ob Armin Meiwes sich dieser Qualifikation strafbar gemacht hat, ist nicht nur nach Jörg Scheinfelds Ausführungen zweifelhaft, auch andere Strafrechtler haben das LG Frankfurt kritisiert. Um deren Gegenargumente verstehen zu können, muss man noch die bizarrsten Details des Falls würdigen, dessen Qualifizierung als „Sex-Kannibalismus“ eine Andeutung der verwerflichen Motive des Täters gibt. Denn Meiwes hatte sich mit seinem Opfer gezielt zu dessen Tötung verabredet, welche er konsensuell vollzog. Dem Kontakt übers Internet folgte die erste Begegnung am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe und die gemeinsame Fahrt aufs einsame Gehöft nach Rotenburg, von der Brandes nicht wiederkehren sollte.

          Weitere Themen

          Sophia L. war allgegenwärtig

          Urteil im Mordprozess : Sophia L. war allgegenwärtig

          Für den Mord an der Studentin Sophia L. muss ein Lastwagenfahrer lebenslang ins Gefängnis. Für den Richter war es ein besonderes Verfahren: Sonst stehe immer der Angeklagte im Zentrum – diesmal sei es das Opfer gewesen.

          Topmeldungen

          SPD-Regionalkonferenz Hamburg : Moin, Moin

          Die Kandidatentour der SPD ist in Hamburg angekommen – der Heimat des Favoriten Olaf Scholz. Aber ist es deshalb auch ein leichtes Heimspiel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.