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Jörg Scheinfeld: Der Kannibalen-Fall : Ist der Menschenfresser ein Mörder?

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Während der Tat lief eine Kamera, die nicht nur die Verstümmelung am Geschlecht, die spätere Tötung, Zerlegung und Ausweidung des Opfers dokumentierte, sondern auch das süffisant-kommentierende Verspeisen von Leichenteilen durch Meiwes. Später betrachtete er die aufgezeichneten Bilder, die ihn - wie gehofft - sexuell erregten. Soll das etwa nicht Mord sein, steht diese Tat nicht auf der niedrigsten sozialethischen Gesinnungsstufe, muss die Allgemeinheit nicht vor solchen Tätern geschützt werden - und zwar dauerhaft?

Unzufriedenheit mit den Gerichten

Gegen diese nachvollziehbaren Fragen und Suggestionen setzt Scheinfeld einen Kurs in juristischer Methodenlehre. Er pocht auf die skrupulöse Subsumtion der Tat unter die einzelnen Merkmale des Mordtatbestands. Dabei ist er mit den handwerklichen Leistungen der Gerichte vielfach unzufrieden. Er weist auf die Gesetzesbindung des Richters und das ebenfalls verfassungsrechtlich verankerte Analogieverbot hin, wonach die Strafbarkeit der Tat nach dem Gesetzeswortlaut bestimmt sein muss. Der Täter muss zudem die Wertung des Strafgesetzbuchs in seiner Laiensphäre nachvollzogen haben.

An vielen, das Urteil tragenden Punkten meldet Scheinfeld also Zweifel an, und er moniert fehlende Argumente, Inkonsistenzen der strafrechtlichen Dogmatik zum Mordtatbestand hin und problematische Wertungen der Frankfurter und Karlsruher Richter. Summa summarum notiert er „ungewöhnliche Häufungen von Friktionen und Verfassungsverstößen“, die er offenlegen will, namentlich Verletzungen des Gleichheitssatzes und des Schuldprinzips. Das ist seine erklärte Absicht, und weil er zu seiner Parteilichkeit steht, mag man über die Einseitigkeit dieser erklärten Streitschrift hinwegsehen, die sogar die Verdinglichung des Opfers durch die Tat in Abrede stellt.

Zuletzt Suggestion statt Analyse

So gesehen hat das Buch seine Vorzüge, weil es anhand einer einzigen Tat einen Einblick in die Systematik der Tötungsdelikte erlaubt. Die Argumentation ist dabei transparent, und die Singularität des Falles kommt gerade in den oft sehr überzeugend gewählten parallelen Tötungsfällen zur Geltung. Der wissenschaftliche Ertrag liegt in der Verdeutlichung von juristischen Grundlagenfragen für Dogmatik, aber auch in einer anschaulichen Kritik an der derzeitigen Gesetzessystematik des Mordes, deren Reform gefordert wird.

Dass der Leser am Ende dennoch etwas unbefriedigt zurückbleibt, liegt an Scheinfelds Selbstbeschränkung. Gerade die von ihm herangezogenen Tötungsfälle machen darauf aufmerksam, dass Richter in Vergleichsfällen manche Fragen, etwa die Teilbarkeit des Unrechtsbewusstseins, durchaus anders entschieden. Tatbestandsmerkmale wurden durch Strafgerichte auch schon täterfreundlicher ausgelegt, Irrtümer für relevant befunden, und auch bei der verfassungsrechtlichen Prüfung von Beamtenstreitigkeiten blicken die Richter schärfer auf die Wertungen ihrer Kollegen. Der Kannibale: kein Einzelfall einer Ungleichbehandlung - oder doch?

Anders gesagt: Zuletzt bleiben rechtspolitische und soziologische Suggestionen des Autors, wo Analyse nottut. Hier wäre auch Platz für die Frage der Emotionalität des Rechts und seines Personals gewesen, die im Raum schwebt. Das Recht begreift sich als rational agierendes System, das bei seinen Werturteilen emotionslos agiert, selbst wenn es über Emotionen richtet. Abscheu, Empörung und Ekel müssen rationalisiert werden, um legitim zu sein, zumal wenn sie sich mit den gesetzlichen Wertungen in ein Spannungsverhältnis begeben könnte. Vielleicht lag gerade hier die Crux des Falles, der einen besonders schweren zivilisatorischen Tabubruch behandelte. Er weist auf eine wenig beachtete Variante des alten Themas Recht und Moral hin, die Argumentationsdefizite plausibel machen könnte.

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