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Jocelyn Bell Burnell : Der Preis der Entdeckung

Jocelyn Bell Burnell im Jahr 2015 Bild: dpa

Lange forschte die Astrophysikerin Jocelyn Bell Burnell im Verborgenen. Den Nobelpreis für ihre Entdeckung bekam ihr Doktorvater. Jetzt hat sie mit der Spende des „Breakthrough Prize“ ein Zeichen gesetzt.

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          Wirklich berühmt wird ein Wissenschaftler meist dann erst, wenn er einen Nobelpreis bekommen hat. Die britische Astrophysikerin Jocelyn Bell Burnell hat es geschafft, dafür berühmt zu werden, dass sie keinen Nobelpreis bekommen hat. Als Doktorandin an der Universität Cambridge hat sie in den sechziger Jahren mit Hilfe eines Radioteleskop-Arrays nach hellen Galaxienkernen gesucht. Gefunden hat sie stattdessen in den Daten – pro Tag musste sie rund dreißig Meter Papier-Output analysieren – das Signal eines Pulsars, eines schnell rotierenden Neutronensterns; als Erste, ohne dass ihr zunächst geglaubt wurde.

          Den Nobelpreis für diese Entdeckung bekam nicht sie, sondern ihr Doktorvater Antony Hewish mit – für dessen instrumentelle Beiträge – Martin Ryle. Das sei nicht ungewöhnlich, betont Jocelyn Bell Burnell, Studenten würden oft zugunsten ihrer Betreuer bei Ehrungen übergangen. Dennoch mag man eine gewisse Genugtuung nicht leugnen, dass die 75 Jahre alte Forscherin nun den mit drei Millionen Dollar dotierten „Breakthrough Prize“ für ihre herausragenden Leistungen erhält.

          Mehr, als nur etwas Neues zu sehen

          Mit dem vielen Geld könnte Jocelyn Bell Burnell eigene Forschungsprojekte finanzieren. Stattdessen will sie es aber in Doktorandenstipendien für Mitglieder von in den Naturwissenschaften unterrepräsentierten Gruppen – Frauen, ethnische Minderheiten, Schwarze – investieren. Wer die Wissenschaftlerin einmal von ihrem Leben berichten gehört hat, weiß, dass diese Entscheidung nicht nur als Reaktion auf ihre eigene verpassten Ehrung zu verstehen ist. Jocelyn Bell Burnell ist durch ihre Biographie zu einer Art Entdeckungsexpertin geworden. So kann sie von der kuriosen Tatsache berichten, dass sie keineswegs die erste war, die einen Pulsar gesehen hat. Beispielsweise habe ein etablierter Kollege ihr gestanden, er habe schon vor ihr ein Pulsar-Signal aufgezeichnet, es aber als Messfehler interpretiert.

          Eine Entdeckung scheint also mehr zu sein, als nur etwas Neues zu sehen. Das Neue muss gegen den Widerstand des Erwarteten auch bemerkt und weiter verfolgt werden. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn beschrieb dieses Phänomen 1962 damit, dass ein Erwartungen erzeugendes wissenschaftliches Paradigma buchstäblich blind machen könne. Radikale Querdenker und Entdecker seien daher oftmals entweder sehr jung oder Neulinge.

          Jocelyn Bell Burnell rechnet ihre Leistung heute auch dem Umstand zu, dass sie als Frau und Nordirin in ihrem Forschungsumfeld eine Außenseiterin und daher besonders gewissenhaft und aufmerksam war. Dass sie ihr Preisgeld der Förderung von in der Forschung unterrepräsentierten Gruppen widmen will, ist daher nicht primär als Dienst an Minderheiten zu verstehen, sondern vielmehr als aussichtsreiche Anschubfinanzierung für neue Entdeckungen.

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