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Joanne K. Rowlings „The Silkworm“ : Krimi kann sie besser

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Die publikumsscheue J.K. Rowling kennt sich besser mit den Geheimnissen Londons aus als viele Reiseführer: Szene am Oxford Circus Bild: Pilar, Daniel

Das Opfer hat seinen Tod vorausgesehen und aufgeschrieben: In ihrem neuen Buch „The Silkworm“ präsentiert sich Joanne K. Rowling in Hochform - auch für alle Harry-Potter-Fans.

          Ich vermisse Harry Potter!“ Die Sechzehnjährige, der dieser Stoßseufzer entfuhr, meinte damit weniger den Zauberschüler selbst als vielmehr das ganze Drumherum der Buchserie, vom gespannten Warten auf die nächste Lieferung über die Spekulationen, wie es wohl weitergehen würde mit den Figuren bis hin zur seligen Versenkung in eine andere Welt für die Dauer von einigen hundert Seiten, die möglichst langsam ausgekostet und zugleich rauschhaft verschlungen werden wollten. So wie ihr geht es vielen „Harry Potter“-Lesern. Und offenbar auch Joanne K. Rowling selbst, die sich mit spürbarer Begeisterung in ihre nächste Serie gestürzt hat.

          Soeben ist in Großbritannien ihr zweiter Kriminalroman um den Privatdetektiv Cormoran Strike erschienen: „The Silkworm“ (Der Seidenspinner). Zwar prangt auf dem Cover mit Robert Galbraith ihr Pseudonym, doch das Geheimnis der Autorschaft, das den Vorgänger „Der Ruf des Kuckucks“ im vergangenen Sommer doppelt interessant machte, ist ein für alle Mal gelüftet.

          Ähnlichkeiten mit Harry Potter

          Rowling ist als Robert Galbraith offenkundig in ihrem Element, denn hier kommen ihre erzählerischen Stärken voll zur Geltung, ohne dass sie am eigenen Anspruch scheitert. Nicht nur weil sie eine ausgebuffte Plotterin ist, die zwischen handlungs- und charaktergetriebener Spannung geschickt zu variieren weiß, lag ihr Schritt zum Krimi näher als der zum großen Gesellschaftsroman, an dem sie mit „Ein plötzlicher Todesfall“ (2012) scheiterte.

          „The Silkworm“ wird getragen von Rowlings genauem Auge und sensiblem Ohr für ganz unterschiedliche Milieus, deren Ausdrucks- und Denkweisen. Die zahlreichen Leser, die rund um fiktive Mordfälle gern konkrete Urlaubsstätten wie Venedig, die Bretagne oder das Périgord auskundschaften, können hier London atmosphärisch besser kennenlernen als in jedem Stadtführer; man fragt sich, wie und wann die publikumsscheue Edinburgherin Rowling sich jene Vertrautheit mit der Metropole erworben hat, die ihre Schilderungen nahelegen.

          Doch vor allem hat sie mit ihrem Ermittler Cormoran Strike, dessen komplexe persönliche Geschichte sie konsequent weiterentwickelt, einen Protagonisten geschaffen, der imstande ist, die Buchreihe jenseits von Verbrechen und Auflösung zusammenzuhalten. So haben der Privatdetektiv und Harry Potter einiges gemeinsam: Beide müssen als Kind mit elterlicher Abwesenheit klarkommen - Strike als unehelicher und ungeliebter Sohn der an Mick Jagger erinnernden Rocklegende Jonny Rockeby, Harry als Voldemortscher Vollwaise.

          Ermittlungen im Literaturbetrieb

          Aufgrund ihrer ambivalenten Erfahrung mit der Boulevardpresse sind beide extrem wachsam im Umgang mit der Öffentlichkeit. Beide halten wenig von den Methoden der Verbrechensbekämpfung offizieller Stellen und ermitteln lieber auf eigene Faust. Beide sind eigensinnig, und beide leiden an den Folgen einer schlimmen Verletzung: Cormoran Strike hat während seiner Militärzeit in Afghanistan bei einer Bombenexplosion einen Fuß verloren, Harry trägt die gezackte Narbe auf der Stirn.

          Dankenswerterweise ist Strike kein Junge mehr, auch wenn er seit Studententagen nicht von einer äußerst volatilen Schönheit loskommt, sondern ein Hüne mit eiserner Selbstdisziplin und phänomenalem Gedächtnis. Er verströmt einen rauhbeinigen Charme, dem sich manche seiner blonden und demnächst mit seiner Hilfe reich geschiedenen Auftraggeberinnen so wenig entziehen können wie wichtige Zeuginnen oder seine Assistentin Robin, die eigentlich einem anderen, deutlich langweiligeren Kerl versprochen ist, aber zunehmend in den Bann ihres Bosses gerät.

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