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Joann Sfar im Gespräch : Nicht nach Auschwitz! Nicht nach Israel!

Ein Fabel für Erwachsene und ein poetisches Märchen, das tiefe Einblicke in Wesen und Witz des Judentums bietet: Joann Sfars „Katze des Rabbiners“ Bild: Avant-Verlag

Und dass sich bitte ja niemand schuldig fühlt, wenn ihm die Katze des Rabbiners um den Kopf streicht: Eine Dresdner Begegnung mit dem französischen Autor, Comic-Zeichner und Regisseur Joann Sfar.

          Als wir abends aus den „Alten Meistern“ treten, ist der erste Schnee auf Dresden gefallen, und der von Semperoper, Hofkirche, Residenzschloss und Sempergalerie gerahmte Theaterplatz ist menschenleer. Joann Sfar bleibt stehen und staunt: „Großartig! Als wären wir im viktorianischen London.“ Wie bitte? Mitten im barocken Dresden?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch, das passt, vor allem zu Joann Sfar, dem großen Eklektizisten. Der 1971 in Nizza geborene Franzose liebt die Genre-Überschreitung in allem, was er tut: als Comic-Zeichner, als Filmregisseur und als Romanautor. Abenteuer, Fantasy, Philosophie, Horror, Kunst- und Kulturgeschichte mischen sich in seinen Geschichten zu den grandiosesten Entwürfen. Einige davon finden weltweit ein Millionenpublikum, so seine Comic-Serie „Die Katze des Rabbiners“ oder sein Spielfilm „Gainsbourg“. Andere dagegen verkaufen sich gerad viertausend Mal, so seine atemraubende Comic-Biographie des Malers Jules Pascin. Doch Sfar macht, was er für richtig hält. Und da er eine tiefe Liebe für den viktorianischen Roman hegt, ist sein Vergleich ein dickes Kompliment für Dresden.

          Die Eröffnung der Ausstellung „Luftmenschen“

          Die Stadt besucht er zum ersten Mal, und eigentlich hätte er gar nicht kommen können, weil ihn die Abgabetermine von gleich mehreren Büchern drücken: „Meine übliche Praxis, mich dadurch unter Druck zu setzen, dass ich immer erst in letzter Minute liefere, ist diesmal gescheitert. Ich bin längst über diese letzten Minuten hinaus.“ Doch seine Comics sind Bestandteil der hiesigen Ausstellung „Vot kenn you mach?“ über zeitgenössische jüdische Identitäten in Europa, und das kuratorische Konzept des federführenden Dresdner Kunsthauses hat ihn so überzeugt, dass er dem Termin als einziger seiner Januarverpflichtungen treu geblieben ist.

          Mittags erst ist Sfar hier eingetroffen, abends ist im Kulturrathaus die Eröffnung des ihm gewidmeten Ausstellungsteils „Luftmenschen“ (bis zum 4. Mai dort im Kunstfoyer zu sehen), und am nächsten Morgen geht es schon wieder zurück nach Paris. Aber ein Nachmittag ist für Dresden frei, und wenn man weiß, dass Joann Sfar auf dem Sender „France Inter“ seit einem Jahr eine tägliche Radiosendung bestreitet, in der er jeweils in vier Minuten ein Kunstwerk vorstellt („Mich reizte die Idee, nur durch Worte beschreiben zu können, was bildende Kunst leistet“), der sollte vermuten, dass es ihn in die hiesigen Museen triebe. Doch die „Alten Meister“, in denen wir dann den Nachmittag verbringen, sind nicht die gleichnamige bedeutende Sammlung in der Sempergalerie, sondern das benachbarte Café mit gleichem Namen.

          Die Welt ist das, was der Zeichenfall ist: Joann Sfar in Aktion

          „Bitte lassen Sie uns etwas machen, was diese Ruhe bewahrt.“

          „Es ist so herrlich ruhig hier.“ So lautete Sfars erster Satz, als wir uns am Kunsthaus trafen. „Bitte lassen Sie uns gemeinsam etwas machen, was diese Ruhe bewahrt.“ Über die Augustusbrücke geht es auf das weltberühmte Canaletto-Panorama aus Frauenkirche, Brühlscher Terrasse, Schloss und Hofkirche zu, aber Sfar hat keine Augen dafür. Wir sind im Gespräch über sein neuestes Betätigungsfeld, die Literatur. Im vergangenen Frühjahr ist beim Verlag Albin Michel „L’Eternel“ erschienen, Sfars Debütroman (oder sagen wir: sein erster Roman ganz ohne Bilder). Warum diese Form? „Comics sind für manche Stoffe zu anstrengend, man kann sie nicht beliebig ausdehnen.“ Das sagt der Mann, der gezeichnete Bände von mehr als fünfhundert Seiten publiziert und in seiner intensivsten Arbeitsphase mehr als zehn Alben pro Jahr herausgebracht hat. Vier bis fünf Stunden müsse er auch heute noch täglich einfach zeichnen, das sei Gewähr für sein Glücksgefühl. Doch ein Roman falle ihm noch leichter, er schreibe los und nehme sich einfach den Platz, den er brauche, ohne über Fragen von Seitenarchitektur und -abfolge nachdenken zu müssen. Bei „L’Eternel“, der noch im Laufe dieses Jahres ins Deutsche übersetzt wird, wurden es auf diese Weise 460 Seiten. Und die nächsten beiden Romane hat Joann Sfar schon fertig.

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