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Joan Didion zum Achtzigsten : Das Leben hat noch jeden ans Messer geliefert

Joan Didion, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2007 Bild: interTOPICS/Retna Ltd.

Keine Autorin hat ihren Schmerz und ihre Trauer ähnlich radikal seziert wie die Essayistin Joan Didion. Über eine große Autorin, die ihren Vorteil in ihrer Unscheinbarkeit sieht und heute achtzig Jahre alt wird.

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          Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben, schreibt Joan Didion in ihrem Essayband „Das weiße Album“, mit dem sie ihren unverwechselbaren Ton auf Anhieb im intellektuellen Amerika der späten sechziger Jahre etablierte. Interessant an dem oft zitierten Satz ist allerdings, dass erst der darauffolgende Gedanke, wie so oft in Didions Texten, der entscheidende ist, allerdings nie erwähnt wird. Dabei handelt der ganze Essay genau davon: dass und wie die Autorin irgendwann begann, „an all den Geschichten zu zweifeln, die ich mir je erzählt hatte“. Und damit am Leben überhaupt. Kein ungewöhnlicher Vorgang, schreibt sie lapidar, „aber einer, der mir Sorgen machte“.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Es ist dieser rigorose Zweifel, ihr skeptischer Blick auf die Wirklichkeit, der Joan Didions Schreiben von Anfang an geprägt hat, seit sie in den sechziger Jahren als Journalistin der „Vogue“ mit ihrer einzigartigen Verschränkung aus Betrachtung und Reflexion, Sinnlichkeit und Klarsicht zu schreiben begann. Auch deshalb hat ihr berühmtestes Buch, „Das Jahr magischen Denkens“ aus dem Jahr 2005, das ein Jahr später auch in der deutschen Übersetzung erschien, so viele Menschen bewegt. Weil es in seiner Mischung aus Erinnerung, Analyse und Trauerarbeit radikal offen und doch nicht indiskret den Tod ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, beschrieb, mit dem sie fast vierzig Jahre zusammen war.

          Die Präzision der Selbsterkundung

          Es gibt wohl nur wenige Autoren, die ihre Gefühle von Schmerz und Trauer in ähnlicher Weise öffentlich seziert haben wie die 1934 in Sacramento geborene Autorin. Wie sie über den Verlust ihres Mannes beinahe den Verstand verlor, ist in der Präzision der Selbsterkundung erschütternd: Da ist kein Wort zu viel, jeder Satz sitzt wie ein Hieb, jede Gefühligkeit verbietet sie sich. Entstanden ist der Text aus dem Bedürfnis, den Erschütterungen des Lebens standzuhalten. Denn zur selben Zeit, als Didion um ihren Mann trauerte, lag ihre einzige Tochter im Krankenhaus. Eine Grippe hatte einen septischen Schock ausgelöst. Mehr als ein Jahr verbrachte ihr Kind auf verschiedenen Intensivstationen, bevor es im August 2005 mit neununddreißig Jahren starb.

          In diesem Sinne ist Joan Didion eine Überlebende, die Letzte ihrer Familie sozusagen. Den Tod, den sie ihr Leben lang erfolgreich verdrängt hat, fürchtet sie nun nicht mehr. Sie hat nur noch Angst davor, nicht zu sterben. „Lässt für die Sterblichen größeres Leid sich erdenken, als sterben zu sehen die Kinder?“, zitiert sie Euripides, um auch hier einen Schritt weiterzudenken, einen schmerzlichen Schritt: „Wenn wir von Sterblichkeit reden, reden wir von unseren Kindern.“

          So steht es in ihrem letzten Buch, das „Blaue Stunden“ heißt und wiederum weder Roman noch Autobiographie, noch reiner Essay ist, sondern eher in der Art eines literarischen Exerzitiums die Funktion einer Totenwache erfüllt. Hier schreibt eine Mutter, die keine mehr ist, die sich an ihr Kind erinnert, das nicht mehr lebt. Die Traurigkeit des „Magischen Denkens“ ist der Resignation gewichen. Nun gibt es keine Hoffnung mehr, und Tote lassen sich auch nicht durch Erinnerung mehr beschwören. Denn: „Erinnerungen sind das, woran man sich nicht länger erinnern möchte.“

          Die Übergänge zur Literatur

          Als Joan Didion zu schreiben begann, erforschte sie die Hippie- und Frauenbewegung ebenso, wie sie auf Wahlkämpfe ging, Filmpremieren besuchte und die Prominenz ihrer Heimat, des amerikanischen Westens, porträtierte, Georgia O’Keefe etwa oder und John Wayne. All diese Texte, meinte ihre deutsche Übersetzerin Antje Rávic Strubel einmal, seien beherrscht von dem, was nicht gesagt werde. In dieser hochgeschlossenen Eleganz liegt die Kraft ihres Schreibens. Wie sie mit zwei, drei Sätzen eindringliche Szenen entwirft und in knappsten Dialogen zur Essenz einer Figur vordringt.

          Damit hat sich Joan Didion neben Tom Wolfe, Norman Mailer und Truman Capote zur wohl berühmtesten Vertreterin des amerikanischen New Journalism entwickelt, dessen subjektiv geprägte Form des Berichtens nahtlos in Literatur übergeht. Auch „Blaue Stunden“ gibt einiges über das Leben der Eheleute Didion-Dunne preis, die in den siebziger Jahren im kalifornische Malibu lebten, wo sie nicht nur Romane und Zeitungskolumnen schrieben, sondern auch Drehbücher verfassten und mit den Berühmten Hollywoods verkehrten.

          Meditation über letzte Dinge

          Wieder und wieder tastet Didion die Familienbilder nach einer heimlichen Bedeutung ab, die sich womöglich erst im Rückblick erschließt, um zuletzt ernüchtert festzustellen, dass alle Bemühungen sinnlos seien. Privat ist das nur scheinbar, denn es geht auch hier in erster Linie um die große Bewegung des Lebens hin zum Tod. Aus dieser Vergeblichkeit speist sich Didions Hoffnungsverweigerung. Die schroffe Offenheit, das Fehlen jeglicher Rhetorik und Larmoyanz macht „Blaue Stunden“ zur eindringlichen Meditation über letzte Dinge. „Nicht jammern“, steht auf einer Karteikarte, die sich Didion in ihrer Wohnung an die Korkwand geheftet hat. Dabei weiß sie ganz genau, dass die Angst nicht vom bereits Verlorenen kommt, sondern von dem, was noch verlorengehen kann.

          Dass Joan Didion als Journalistin oft unterschätzt worden ist, sei wohl ihr größter Vorteil gewesen, hat sie einmal gesagt. Weil sie so klein sei, so unscheinbar und auf so „neurotische Weise um Worte verlegen“, hätten die Menschen, die sie für ihre Reportagen traf, irgendwann nicht mehr daran gedacht, wie sehr ihr journalistisches Interesse ihnen auch schaden könne. „Denn eines sollte man nie vergessen, dass Schriftsteller einen am Ende immer ans Messer liefern.“ Die Rücksichtslosigkeit, mit der Joan Didion anderen gegenüber aufgetreten ist, hat sie immer auch sich selbst gegenüber gefordert. Nur heute macht sie vielleicht eine Ausnahme, heute feiert Joan Didion ihren achtzigsten Geburtstag.

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