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Joan Didion im Gespräch : Ist der Tod Ihre einzige Realität, Mrs Didion?

  • -Aktualisiert am

„Ich habe den Gedanken an den Tod eigentlich immer vermieden“ Bild: Burkhard Neie

Joan Didion hat auch mit achtundsiebzig Jahren keine Zeit für sentimentales Gewäsch. Wer die legendäre Autorin besucht, begegnet einer kleinen Frau mit einem Schweigen hart wie Stein.

          6 Min.

           Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ Welche Bedeutung hat dieser Anfangssatz Ihres berühmten, Ende der siebziger Jahre fertiggestellten Essays „Das weiße Album“, wenn es sich bei den „Geschichten“ um den Tod des Ehemannes und der einzigen Tochter handelt? 

          In gewisser Weise musste ich die Geschichten meiner beiden jüngsten Bücher, „Das Jahr magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“, schon allein deshalb erzählen, weil sie sich direkt vor meiner Nase ereigneten. Es waren die echten Geschichten, die ich erzählen musste, „um zu leben“. „Blaue Stunden“ war dabei in keiner Weise so leicht zu schreiben wie „Das Jahr magischen Denkens“. Das war ganz leicht zu schreiben - die Story über den plötzlichen Tod meines Mannes und meine Notwendigkeit, damit klarzukommen, war so stark, dass sie sich fast von selbst schrieb.

           Welche Eigenschaften muss eine Geschichte haben, damit sie uns zu leben hilft? 

          Ich bin mir nicht sicher.

            Muss sie wahrscheinlich sein? 

          Nein, das nicht. Sie muss lediglich etwas widerspiegeln, das den Schriftsteller beschäftigt. Etwas, das er sich selbst erklären kann, indem er darüber schreibt. Dabei ist es egal, ob es sich um eine erfundene oder um eine wahre Geschichte handelt. Auch die Geschichten, die wir in Romanen erzählen, brauchen wir, um zu leben. In „Blaue Stunden“, dem Buch über die Krankheit und den Tod meiner Tochter, musste ich mich Dingen stellen, denen ich zuvor immer ausgewichen war.

          Sie haben sich einmal als von so kleiner und unaufdringlicher Gestalt beschrieben, als in derart „neurotischer Weise um Worte verlegen“, dass die Menschen, die Sie für Ihre Reportagen trafen, „eher vergessen, wie sehr meine Gegenwart ihren persönlichen Interessen zuwiderläuft. Denn eines muss man sich merken: Autoren verkaufen einen immer.“ Wie rücksichtslos gegen sich selbst mussten Sie beim Schreiben von „Blaue Stunden“ sein?

          Der einzige Weg für einen Schriftsteller ist es, vollkommen rücksichtslos gegen sich selbst zu sein und sich der Geschichte, die er erzählen will, auszusetzen. Wenn ich das nicht täte, wäre ich als Schriftstellerin nicht glücklich. Instinktiv habe ich das seit meiner Kindheit getan - seit ich zu schreiben begann. Mit der Zeit geht man dann immer noch einen Schritt weiter. Ich habe einmal ein Buch über Kalifornien geschrieben, wo ich aufwuchs und später längere Zeit lebte, „Where I Was From“. Irgendwann beim Schreiben begriff ich, dass das Buch jedoch gar nicht von Kalifornien handelte, sondern von den Lügen, die ich über Kalifornien erzählt hatte. Davon, weshalb ich das getan hatte und wie ich es getan hatte. „Where I Was From“ war ein sehr nützliches Buch, weil es mich für „Das Jahr magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“ frei machte, in denen ich absolut ehrlich mit mir selbst sein musste.

          „Wenn man sich ans Schreiben macht, geht man ein Wagnis ein“
          „Wenn man sich ans Schreiben macht, geht man ein Wagnis ein“ : Bild: AP

          „Where I Was From“ erschien kurz vor dem tödlichen Herzinfarkt, den Ihr Mann Ende Dezember 2003 hier im Wohnzimmer Ihrer New Yorker Wohnung erlitt, und endet mit der Beschreibung des Todes Ihrer Mutter. Ist der Tod seither die einzige Realität Ihres Lebens?

          Der Tod ist für uns alle ziemlich alltäglich.

          „Alles zerfällt; die Mitte hält nicht mehr; / Die bloße Anarchie ist losgelassen auf die Welt“: Diese Zeilen aus W. B. Yeats’ Gedicht „The Second Coming“, das Sie in „Stunde der Bestie“ zitieren, deutet darauf hin, dass Sie bereits in den sechziger Jahren ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein für die Zerrüttung und Auflösung der Zustände hatten.

          Beim Schreiben von „Das Jahr magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“ war mir dieser Bezug nicht bewusst. Rückblickend kann ich ihn erkennen. Nur weiß ich nicht viel über meine Art zu schreiben.

          Legt der Tod „verdrängtes Material“ frei?

          Eine wunderbare Formulierung.

          Sie entstammt Don DeLillos Roman „Weißes Rauschen“. Welches verdrängte Material wurde durch den Tod Ihres Mannes und den Tod Ihrer 2005 im Alter von 39 Jahren verstorbenen Tochter Quintana freigelegt?

          Ich habe den Gedanken an den Tod eigentlich immer vermieden. Aber tun das nicht die meisten von uns? Niemand möchte sterben. Wir wollen leben. Das Leben ist die interessantere Perspektive, wenn man nicht glaubt, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Wenn man nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, denkt man, dass man einfach immer weiterleben wird. Aber natürlich wird man das nicht. Das ist das schreckliche Geheimnis.

          Bedauern Sie den Verlust des Glaubens?

          Ich denke, das tun wir alle. Ich bin mir jedoch nicht sicher, dass das, was wir verloren haben, der Glaube an einen Gott ist, sondern der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Das hat mit Gott nicht unbedingt etwas zu tun.

          Haben Sie je erwogen, über den Tod Ihres Mannes und Ihrer Tochter in Romanform zu schreiben?

          Niemals. Das hätte ich nicht gekonnt. Das Wagnis bestand darin, die Ereignisse so zu beschreiben, wie sie sich zugetragen haben.

          Was meinen Sie mit „Wagnis“?

          Wenn man sich ans Schreiben macht, geht man ein Wagnis ein, aber es ist kein solches Wagnis, die Wahrheit in Form eines Romans zu erzählen. Weil ein Roman ja nie ganz die Wahrheit ist - sondern eine Fiktion.

          Sowohl in „Das Jahr magischen Denkens“ als auch in „Blaue Stunden“ nehmen Sie häufig ein Foto oder ein anderes Andenken als Ausgangspunkt des Nachdenkens über die zurückliegenden Ereignisse, was beiden Büchern etwas Kontemplatives verleiht. Weshalb haben Sie diese Form des Erzählens gewählt?

          „Das Jahr magischen Denkens“ habe ich geschrieben, weil ich unmittelbar nach dem Tod meines Mannes keine Zeit gehabt hatte, mich wirklich damit auseinanderzusetzen. Die ersten sechs Monate nach Johns Tod hatte ich ausschließlich mit der Krankheit meiner Tochter zu tun. Quintana lag mit einer Gehirnblutung in einem Krankenhaus in Los Angeles, so dass ich viel Zeit in Los Angeles verbrachte. Nachdem sie hierher nach New York verlegt worden war, waren die Dinge für mich etwas einfacher. Irgendwann war ich dann in der Lage, „Das Jahr magischen Denkens“ zu schreiben - um den Tod meines Mannes zu begreifen und aus meinem Kopf zu kriegen. Als ich „Blaue Stunden“ zu schreiben anfing, dachte ich, es würde ein Buch über Kinder. Darüber, was es bedeutet, Kinder zu haben. Erst als ich das Buch bereits zur Hälfte fertig hatte, verstand ich, dass es vom Tod handelte. Keine Ahnung, weshalb ich anfangs so begriffsstutzig war. Wahrscheinlich, weil ich mich dem Tod nicht stellen wollte. Nicht einmal, indem ich über ihn schrieb.

          In der Theorie dienten Andenken dazu, „den Augenblick zurückzurufen“, heißt es in „Blaue Stunden“ beim Öffnen von Kartons mit Fotografien: „Tatsächlich dienen sie nur dazu, mir zu verdeutlichen, wie wenig ich den Augenblick genoss, als er da war.“ Lässt sich der Moment durchs Schreiben rückblickend festhalten?

          Es ist der einzige Weg, den ich kenne. Wir alle glauben, es sei leicht, die Gegenwart des Augenblicks zu erleben, aber sobald wir uns in dem Gefühl, ihn zu fassen bekommen zu haben, umdrehen, ist er wieder verloren.

          „Where I Was From“, Ihr bereits erwähntes Buch über Kalifornien, handelt von Heimat. Können Sie den „Traum von Amerika“ beschreiben, mit dem Sie aufgewachsen sind?

          Zum Teil hatte dieser Traum mit dem alten amerikanischen Mythos von der Ausdehnung nach Westen zu tun, mit der romantischen Vorstellung der Sonne, die im Westen untergeht. Im Zauber dieses Bildes habe ich mein Leben gelebt, aber das Bild hatte nicht die Bedeutung, die ich in ihm zu sehen meinte.

          „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ Wenn wir diesen zu Beginn unseres Gesprächs zitierten Satz auf die amerikanische Gegenwart beziehen: Welche Geschichten hat sich Amerika in dem seit den Anschlägen vom 11. September 2001 vergangenen Jahrzehnt erzählt?

          Das ist ein erstaunlicher Gedanke, denn natürlich handelt es sich bei der Geschichte, in die man den 11. September verpackt hat, um die einzige Geschichte, die man sich seitdem erzählt.

          Sie beobachteten unmittelbar nach dem 11. September, wie von der Politik und den Medien „der Tod der Ironie“ ausgerufen wurde. Haben die Vereinigten Staaten die „ironiefreie Zone“ seither je wieder verlassen?

          Nein, was wir auch immer unternommen haben, um mit 9/11 klarzukommen, die ironiefreie Zone haben wir nie verlassen. Es ist nach wie vor unmöglich, über die Ereignisse auf ehrliche Weise zu reden, weil sie noch immer von den Lügen verdeckt werden, die wir uns erzählen. Wenn man über etwas nicht ehrlich spricht, spricht man darüber unehrlich - ohne Ironie.

          Glauben Sie an Amerika - um einmal Mitt Romneys Wahlkampfslogan, „Believe in America“, zu zitieren?

          „Believe in America?“ Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand in den nächsten, sagen wir einmal, fünf Jahren, mit den Problemen fertig werden will, die auf Amerika zukommen.

          Was wird Amerika aus den Erfahrungen der kommenden Jahre lernen können?

          Es wäre schön, wenn Amerika lernen würde, ehrlich mit sich selbst zu sein. Das wäre mal etwas Neues, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dies passiert. Zumindest deuten die Vorwahlen nicht darauf hin.

          „Ich schreibe ausschließlich, um herauszufinden, was ich denke, was ich betrachte, was ich sehe und was es bedeutet. Was ich will und was ich fürchte“: Haben diese vor mehr als drei Jahrzehnten geschriebenen Sätze für Ihre Arbeit noch immer Gültigkeit?

          Dies ist nach wie vor der einzige Beweggrund für meine Arbeit. Es mögen weitere Motive hinzugekommen sein, aber dies ist noch immer das wichtigste.

          Beim Lesen von „Blaue Stunden“ fallen die zahlreichen Fragen auf, die sich durch das Buch ziehen. Hat Sie das Schreiben dieses eine Mal im Stich gelassen?

          Sie meinen: Ob ich nach den Antworten auf die Fragen gesucht habe? Schon diese Fragen zu stellen war etwas, das ich zuvor nicht geschafft hatte. Sie zu stellen hat mich bereits ein ziemliches Stück weitergebracht.

          Und die wichtigste Frage, die beim Schreiben des Buchs unbeantwortet geblieben ist?

          Ich weiß nicht, was ich als Nächstes schreiben werde: Falls es das ist, was Sie wissen möchten. Ich nehme an, ich werde dieselben Fragen stellen, und vielleicht gelingt es mir dann, Antworten zu finden.

          „Die Zeit vergeht. Könnte es sein, dass ich das nie geglaubt habe?“

          Ja.

          „Hatte ich geglaubt, die blauen Stunden würden für immer andauern?“

          Ja, ich habe geglaubt, dass sie niemals enden. Die nächste Frage müsste heißen: Weshalb haben Sie das geglaubt? Wieso haben Sie nicht begriffen, dass das vollkommen unmöglich ist? Wie konnten Sie nur so blind sein?

          Freuen Sie sich auf die blauen Stunden, das Versprechen einer wärmeren Jahreszeit?

          Ja, das tue ich, und die blauen Stunden sind schon beinahe da. Um diese Zeit habe ich immer das Gefühl, der Frühling beginnt. Zum Teil liegt das daran, dass ich aus Kalifornien stamme, wo der Frühling gleich nach der Weihnachtszeit beginnt. Wir kannten dort keinen Winter. Wir hatten Weihnachten und dann den Frühling, und irgendwie erlebe ich das noch immer so. Ich habe das Gefühl, es könnte sich jeden Moment aufhellen. In Wirklichkeit wird es jedoch eher bald schneien.

          Zur Person:

          Joan Didion wird am 5. Dezember 1934 im kalifornischen Sacramento geboren.

          Bereits während des Studiums an der Universität Berkeley schreibt sie für Zeitschriften und gewinnt 1956 den „Prix de Paris“ der „Vogue“. In der „Saturday Evening Post“ hat sie eine Kolumne zusammen mit ihrem späteren Mann, dem Schriftsteller John Gregory Dunne.

          Ihr erster Roman „Run River“ erscheint 1963, im Jahr vor ihrer Hochzeit mit Dunne. Mit ihren kulturkritischen Essays, aber auch den Folgeromanen „Play It as It Lays“ (1970, auf Deutsch: „Spiel dein Spiel“) und „A Book of Common Prayer“ (1977, „Wie die Vögel unter dem Himmel“) sowie der autobiographischen Kalifornien-Erkundung „The White Album“ (1979) erschreibt sich Joan Didion einen Platz unter den wichtigsten Gegenwartsautoren ihres Landes.

          Didion veröffentlicht kontinuierlich Reportagen, Artikel, Essaysammlungen und Romane. Den plötzlichen Tod ihres Mannes 2003, der an Herzversagen stirbt, während die 1966 geborene Tochter Quintana im Koma liegt und 2005 ebenfalls stirbt, sucht sie in ihrem Buch „Das Jahr magischen Denkens“ (2006) zu verarbeiten. Ihr neues Buch „Blaue Stunden“ erscheint in der kommenden Woche im Ullstein Verlag.

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