https://www.faz.net/-gqz-6w4em

Joan Didion: Blue Nights : Sich erinnern heißt leiden

  • -Aktualisiert am

Joan Didion, die Beobachterin der Politik, wird in ihren neuen Büchern persönlich und introspektiv Bild: Seth Wenig

Keine Anleitung zum stilvollen Trauern und behaglichen Altwerden: Joan Didions Buch „Blue Nights“ ist eine unerbittliche Abrechnung mit dem Leben und dem Tod.

          5 Min.

          Jetzt hilft auch nicht mehr das magische Denken. Jetzt sind nur noch die Zweifel geblieben an allem, worauf sie sich einst verlassen konnte. Jetzt ist sie allein mit ihrer Ratlosigkeit, ihrer Gebrechlichkeit, ihrer Angst. Die „Blue Nights“ neigen sich ihrem Ende zu, die letzten Minuten der „blauen Stunde“ sind angebrochen, und Joan Didion weiß sich keinen anderen Rat, als zu schreiben. Über den Tod ihrer Tochter Quintana. Über den Schmerz des Erinnerns. Übers Altwerden. Über ihre Einsamkeit im gesellschaftlichen Trubel. Über ihr Versagen, ihrem Leben eine Richtung, geschweige denn einen Sinn zu geben. Sie schreibt, ja sie schreibt so wunderbar präzis und poetisch und musikalisch wie immer, aber selbst darin vermag sie keinen Halt und keinen Trost zu finden.

          Nichts ist erbaulich in „Blue Nights“. Dennoch sagt der Schriftsteller John Banville dem Buch in der „New York Times“ voraus, es werde für Didion wieder ein Riesenerfolg. Michiko Kakutani, die Literaturkritikerin des Blattes, hat es soeben in ihre Jahresbestenliste als „melancholische Meditation über die Moral und die Zeit“ aufgenommen, und in der „New York Review of Books“ nennt Cathleen Schine es ehrfürchtig „einen Abstieg in die Unvermeidlichkeit einer Welt ohne Hoffnung“. Als Protagonistin des New Journalism gibt es für Didion keine strikte Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Politik und persönlichem Alltag. Im „White Album“, ihrer 1978 erschienenen Essaysammlung, manövriert sie über die Klippen der Zeit am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Wenn auch die Schicksalsschläge der vergangenen Jahre ihren Blick immer mehr nach innen gelenkt haben, hat sie doch die politische Bühne nicht ganz aus dem Auge verloren und sich auch vor der Wahl Obamas und danach etwa in der „New York Review of Books“ zu Wort gemeldet.

          Die Arbeit am Bühnenstück als Therapie

          Es läge nahe, „Blue Nights“ als Fortsetzung von „The Year of Magical Thinking“ zu lesen. Es führte auch in die Irre. „The Year of Magical Thinking“, auf Deutsch 2006 als „Das Jahr magischen Denkens“ erschienen, ist Joan Didions Versuch, mit dem plötzlichen Herztods ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, zurechtzukommen (F.A.Z. vom 18.November 2005). Sie findet sich wieder in einer Phantasiewelt, in der ein magisches Denken es ihr erlaubt, Gewesenes und Geschehenes zu verändern oder auch ungewesen und ungeschehen zu machen. Die Wirklichkeit aber pocht unbarmherzig auf ihr Vorrecht. Didion muss sich damit abfinden, dass noch im nachlassenden Schmerz neue Schmerzen auftauchen. Ist nicht jeder aufkeimende Trost ein Betrug an ihrem verstorbenen Mann? Sie, die selbstsichere Lebensplanerin, die gefeierte Essayistin, Drehbuch- und Romanautorin, verliert die Kontrolle über ihre lang und gewissenhaft gehegten Vorstellungen von Tod und Leben und allem, was sich dazwischendrängt.

          Joan Didion: „Blue Nights“
          Joan Didion: „Blue Nights“ : Bild: Verlag

          Als ihr Mann stirbt, ist die einzige Tochter lebensbedrohlich krank. Von ihrem Tod wird der Leser noch nichts erfahren. In der Bühnenversion von „The Year of Magical Thinking“ muss Vanessa Redgrave, Joan Didions Doppelgängerin am Broadway, anderthalb Jahre später aber vom Tod beider erzählen (F.A.Z. vom 2.April 2007). Didion schildert nun in „Blue Nights“, wie sie sich die Arbeit am Bühnenstück als Therapie verschreibt. „Maintaining momentum“, in Schwung bleiben, heißt ihr neues Motto, ihre Überlebenstechnik. Bis der Körper nicht mehr mitspielt. Oder sind es Körper und Geist, die gemeinsam ihre Zuversicht verlieren? Übersät ist ihr Rückblick mit Fragen, auf die sie keine Antwort findet.

          Das Ende der Versprechungen ist auf einmal da

          Auch das magische Denken vermag ihr keinen vorübergehenden Schutz mehr vor den brutalen Eröffnungen der Wirklichkeit zu bieten. Jeder Gedanke wird zur Last, jede Erinnerung zum Schmerz. Sie kramt Fotos und Einladungskarten hervor, nur um festzustellen: „Theoretisch bringen diese Erinnerungsstücke den Augenblick zurück. Tatsächlich dienen sie bloß dazu, mir klarzumachen, wie unzulänglich ich den Augenblick genossen habe, als ich dabei war.“ An anderer Stelle schreibt sie: „Erinnerungen sind das, woran du dich nicht länger erinnern willst.“ Ihre Totenklage besteht aus Zweifeln an sich selbst, Zweifeln am Blickwinkel, unter dem sie ihre Welt betrachtet, und Zweifeln an der Erziehung der Adoptivtochter: „Haben wir von ihr verlangt, erwachsen zu sein? Haben wir sie aufgefordert, Verantwortung zu tragen, bevor sie dazu in der Lage war? Haben unsere Erwartungen sie daran gehindert, sich wie ein Kind zu verhalten?“ Und davor schon die noch schmerzlichere Frage: „Wie konnten wir einander nur derart falsch verstehen?“

          Joan Didion hat keine andere Wahl, als ihre Klage vor einer Kulisse anzustimmen, die im Luxus mondäner Paradiese schwelgt, von Saint-Tropez bis Malibu, von der Polo Lounge im Beverly Hills Hotel bis zum Efeu-Idyll des Plaza Athenée in Paris. Patti Smith und Paul Newman gehören zu den Stars, die anstandslos Nebenrollen in der Familiensaga übernehmen, und als Braut ist Quintana geradezu verpflichtet, das Satinschuhwerk von Louboutin schimmern zu lassen. Eine privilegierte Kindheit? Privileg, das sei eine Wertung, eine Meinung, ein Vorwurf, erklärt Didion. Ein Begriff, der angesichts der Ereignisse keine Bedeutung habe.

          Über den Tod der Tochter hinaus weitet sich „Blue Nights“ so zu einer Meditation, einer literarisierten Improvisation, die, ganz wie unser noch unzähmbares Hirn, zwischen den Zeiten und Ereignissen umherspringt, nach vorn und zurück, über Kreuz und im Kreis. Didion führt ein Selbstgespräch, das sie für uns aufzeichnet, in einer Ehrlichkeit und Offenheit, die den schmalen Band fast zu sprengen scheinen. Sie spricht über Kinder, aber meint, wie sie zugibt, den Tod. Der aber hat es eilig, wenn er sich heranschleicht: „Verlieren wir das Gefühl fürs Mögliche, verlieren wir’s schnell.“ Das Alter kommt als Überraschung, auf einmal ist das „Ende der Versprechungen“ da. Sie gesteht, keinerlei Vorbereitungen getroffen zu haben. Dass die Tatsache, fünfundsiebzig Jahre alt zu sein, eine bedeutsam veränderte Lebenssituation markiert und in ihr ein anderes „Es“ vorfindet, ging ihr erst vor kurzem auf.

          Gegen die Leere ist kein poetisches Kraut gewachsen

          Hat sie nunmehr also einen weisen Rat auf Lager? Nein. „Blue Nights“ ist keine Anleitung zum glücklichen Trauern und behaglichen Altwerden. Jenseits aller flotten Bekenntnisschreiberei legt Didion das Ergebnis einer schonungslosen Selbstuntersuchung vor, einen Bericht, der weder tröstlich noch weinerlich ist, auch wenn er an seiner eigenen Beschaffenheit zweifelt. Die Frau, deren unverwechselbare Stimme nicht von ihren Beobachtungen und Erfahrungen zu trennen ist, ist sich nicht mehr sicher, dass sie uns damit wirklich erreicht. „Lassen Sie mich wieder versuchen, direkt mit Ihnen zu sprechen“, beginnt sie ein Kapitel, beinahe verzweifelt. Zuvor hatte sie weniger uns als sich selbst gefragt: „Was, wenn ich nie mehr die passenden Wörter ausfindig machen kann?“ Joan Didion wird es nicht glauben, wenn ihr versichert wird, dass sie ein bewegendes Buch geschrieben hat, stilistisch und gedanklich auf der Höhe ihrer Meisterschaft. Oder wenn sie es glaubt, wird sie fürchten, nicht mehr die Kraft für ein nächstes Buch zu haben. Sie hat gelernt, Krankheit, Gebrechlichkeit und Alter in ihre Lebensrechnung miteinzubeziehen, körperlich und geistig.

          Es gehört zu den Widersprüchen von „Blue Nights“, dass vom existentiellen Niedergang, der den Inhalt prägt, in der Form nichts zu spüren ist. Genauso unvereinbar ist ihr neues Selbstporträt, das in seiner radikalen Hoffnungsverweigerung auch „The Year of Magical Thinking“ noch übertrifft, mit unserer Reaktion darauf, unserem Leseerlebnis, das verzaubert, während es uns verstört und bedrückt. Als Trostspenderin hat Kunst bei Didion ausgedient. Gegen den Tod der Tochter und des Ehemanns, gegen die Leere in ihrem Leben ist kein poetisches Kraut gewachsen. Kein Buch hilft darüber hinweg. Joan Didion weiß das, erklärt uns das. Und doch hat sie ein Buch geschrieben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zapfenstreich für Merkel : Abschied mit Fackeln und Schlagern

          Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedete sich die Bundeswehr von Angela Merkel nach 16 Jahren im Amt. Die Kanzlerin hält zwei Ratschläge bereit – und freut sich über Schlager aus Ost und West.
          Militärübung Zapad: Alexandr Lukaschenko Mitte September auf dem Truppenübungsplatz Obuz-Lesnovsky

          Sorgen um die Ukraine : Lukaschenko droht für Putin

          Der Minsker Machthaber kündigt „Manöver“ mit Russland nahe der Ukraine an – und stellt sogar die Stationierung russischer Nuklearwaffen in Belarus in Aussicht.
          Tritt von der politischen Bühne ab: Sebastian Kurz am Donnerstag in Wien

          Österreichs früherer Kanzler : Wie lange ist Kurz weg?

          Österreichs früherer Kanzler Sebastian Kurz legt seine politischen Ämter nieder und spricht davon, dass er seine Begeisterung verloren habe. Ob es ein Abschied für immer sein soll, bleibt offen.