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Joachim Kaiser zum achtzigsten Geburtstag : Reich und Reichtum eines Kritikers

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Der Univeralist unter den Kritikern: Joachim Kaiser Bild: Michael Hauri

Am schönsten schreibt er über Musik, am verzweifeltsten übers Theater, am freiesten über Literatur. Heute wird Joachim Kaiser, der universalistische Häuptling deutscher Feuilleton-Tonkunst, achtzig Jahre alt.

          Er hat geschafft, was noch kein Rezensent geschafft hat: eine Ehe und ein Frühstück im Bett zu retten - allein durch eine kleine Nachtkritik, fünfzehn Zeilen lang. Leider nur als fiktionale Episodenfigur in einer Fernsehserie. In „Monaco Franze“ (1983) von Helmut Dietl und Patrick Süskind sieht der mit einem Dackelblick, ewigem Fremdgehappetit, aber einer Edelgattin (die er „Spatzl“ nennt) samt noch edleren Münchner Kulturgesellschaftsfreunden, aktuell aber mit einem gemeinsamen Opernbesuch („Walküre“) geschlagene, von Helmut Fischer hinreißend gespielte kleine Kriminalbeamte Münchinger einen Herrn im Parkett der Bayerischen Staatsoper, „der hat die ganze Zeit irgendwas aufgeschrieben - is' des ein Kritiker?“.

          Der Kritiker heißt hier Hanns Boettner-Salm, ist aber, wie das „Spatzl“ ihrem Monaco-Franze empört verdeutlicht, „nicht ein Kritiker, das ist der deutsche Musikkritiker überhaupt“. Also kann es sich in Wirklichkeit nur um Joachim Kaiser handeln, der nach der Aufführung einen Nachtverriss der „Walküre“ an die Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“ durchtelefoniert, der sich gewaschen hat („uninspirierter Dirigent“, „farbloser Wotan“) - und die der in Kultur- und Wagner-Dingen völlig unbedarfte Monaco-Franze eifrig mithört.

          Unnachahmlich wirken

          Am Nachpremierentisch, wo die Gattinnen-Freunde die Aufführung über den dummen Klee loben, zieht der Monaco-Franze ganz cool vom Leder und macht sich über Wotan und den Taktschläger am Pult lustig. Worauf er samt seinem darob ziemlich angefressenen „Spatzl“ empört des Saales verwiesen wird, draußen aber den letzten Andruck der „Süddeutschen“ ergattert und mit Boettner-Salms alias Joachim Kaisers Nachtkritik, vor der die Schickeria münchengemäß in Grund und Boden sinkt, einen Triumph feiert, der bis ins Ehebett nachbebt, wo das „Spatzl“ plötzlich keinen kleinen Beamten, sondern stolz einen richtig großen Kritiker beschmust und befrühstückt.

          Dass in Manfred Bielers München-Roman „Der Kanal“ (1978) ein brillanter, aber „etwas redseliger Theaterkritiker“ mit wehendem Mantel, leicht watschelndem Gang, strahlendem Blauaugenblick, buschig gelockter Haareleganz und ausrudernden kaiserlichen Armbewegungen im Park des Schlosses Nymphenburg auf eine Dame namens Kasta Tag für Tag so lange einredet, einschwärmt, einpathetisiert, bis sie sich nicht ihm, sondern wieder ihrem notorisch untreuen Ehemann hingibt, ist kein zusätzlicher Beweis dafür, dass Joachim Kaiser nur als besonders attraktive Spezialistenfigur für fiktionale Fremdeherettung aus der Sphäre des seriösen journalistischen Tuns heraus in die Sphäre spielerischer Genres Eingang fände.

          Man kommt um ihn schwer herum

          Ganz abgesehen davon, dass auch „Jochen, der Knochen“ in Georg Kreislers Chanson von der „Wanderniere“ selbstverständlich auch auf Joachim Kaiser verweist. Was uns einst im Tübinger Linguistik-Oberseminar aufging wie ein Licht in der Pointenfinsternis. All dies beweist nichts weiter als einfach nur die unnachahmliche Präsenz dieses Kritikers. Man kommt um ihn schwer herum. Und man kann ihn mit zwei Worten charakterisieren: Er wirkt.

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