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Joachim Gauck : Ihr seid das Volk!

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Der bekannteste Geheimdienstabwickler der Welt: Joachim Gauck Bild: REUTERS

Joachim Gauck hat als Kandidat das Land den Wert der Freiheit gelehrt und führt ihn seither in jeder Rede vor Augen. Eine Bilanz nach hundert Tagen.

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          Es ist nicht bekannt, was sich Guido Westerwelle gedacht hat, als er vor wenigen Tagen vorschlug, Joachim Gauck solle nun auch noch im Streit um Stuttgart 21 vermitteln. Womöglich bereitete er gerade eine Rede zum Jubiläum der Deutschen Einheit vor, als ihm beim Wort „Anschluss“ die Gedanken aus dem Gleis sprangen und erst im Bahnhof wieder Halt machten. Womöglich schien es ihm aber auch naheliegend, dass man, wenn irgendwo im Land montags demonstriert wird, sich einen Pfarrer aus dem Osten zu Hilfe holt. Eines jedenfalls hat Guido Westerwelle mit seiner Idee wie nebenbei und selbstverständlich bewiesen: Der Bundespräsident ist nun hundert Tage im Amt, aber schon geht nichts mehr ohne Joachim Gauck.

          In dem kurzen, aber intensiv geführten Kampf um das Schloss Bellevue hat Joachim Gauck sich schnell Sympathien in Bevölkerung und Medien erobert. Eine Welle der Zustimmung, wie es sie lange nicht für einen Kandidaten gab, trug ihn in die Bundesversammlung. Aber als er dann dort saß, am Ende jenes Junitages, war den meisten Beobachtern dennoch vollkommen unklar, was er mit dem Ergebnis anfangen sollte. Drei Wahlgänge hat Joachim Gauck gebraucht, es wurde tatsächlich noch knapp, und andere hätten sich nach solch einem Ausgang womöglich beschädigt gesehen. Er dagegen schien nicht im Geringsten betrübt zu sein, sondern nahm seine Arbeit auf.

          Er setzt auf die Kraft der freien Rede

          Wer mit der Wahl des Bundespräsidenten beginnend durch den Terminkalender von Joachim Gauck blättert, findet kaum einen Tag, an dem er nicht im Land unterwegs gewesen ist. Er spricht zum Tag des Ehrenamtes in Hannover, zur Verleihung des Medienpreises an den dänischen Mohammedkarikaturisten Kurt Westergaard in Potsdam und zum Festakt der Polytechnischen Gesellschaft in Frankfurt. Er redet vor sechstausend Schülern in Braunschweig, vor den Delegierten des SPD-Parteitags in Berlin und vor den Bürgern von Plauen, die ein Denkmal für die friedliche Revolution in ihrer Stadt einweihen. Joachim Gauck geht in Schulen, Stadttheater und Buchhandlungen und setzt ein, was ihn schon als Kandidaten unter anderen heraushob - die Kraft der freien Rede.

          Die Freiheit ist das zentrale Motiv, um das seine Reden kreisen. Seine Erzählung beginnt dabei oft in der DDR, dem Land, aus dem er kommt und in dem er die Freiheit gegen eine Partei und einen Staat erkämpfen musste. Dann wendet er sich dem Land zu, aus dem die meisten seiner Zuhörer kommen und in dem die Freiheit nicht von einer Institution bedroht ist. Bei jedem anderen würde an dieser Stelle wohl die Rede mit dem friedlichen Herbst enden, der inzwischen schon zwanzig Jahre zurückliegt und dessen Botschaft sich im Mauerfall erfüllt zu haben schien. Joachim Gauck aber wendet den Begriff der Freiheit, nun, da sie im Außen nicht mehr beschnitten ist, nach innen. Dorthin, wo sie manchmal schwerer zu finden ist, weil sie sich nicht in Gegnerschaft, sondern im Einverständnis beweisen muss, eine Freiheit zu, statt eine von etwas.

          Im Interview mit einem Jugendmagazin erklärt er das so: „Zu unserem Glück gehört es, einen Partner zu haben. Wir wollen lieben. Wenn das gelingt, wird es uns plötzlich wichtig, dass wir für den Partner etwas tun können. Wir erleben uns als auf ein Gegenüber bezogen. So ist das auch, wenn man ein Bürger sein will. Dieses ,in Beziehung setzen' macht glücklich. Wir sind nicht dafür da, dass wir auf dem Sessel sitzen und in den Fernseher glotzen. Glück kommt nicht, Glück wird. Wir alle begreifen das Glück der Freiheit stärker, wenn wir uns beteiligen. Das ist das große Geheimnis von gelingendem Leben.“

          Aufrufe zur Selbstermächtigung

          Kein anderer Bürgerrechtler hat die Geschichte seines Unabhängigwerdens so universell erzählt. Die Leute erfahren mehr über Joachim Gauck, als jeder Politiker preisgeben würde, sie wissen deshalb aber noch nicht, ob seine Lebensgefährtin eine Tätowierung auf dem Oberarm trägt, ob er Urlaub auf Mallorca macht oder sich von einem ostdeutschen Versicherungsmakler in dessen Villa nach Rügen einladen ließ. Sie wissen allerdings, wie es war, zwei Söhne in den Westen zu verabschieden und auf dem Bahnhof nicht weinen zu können, weil man zu unfrei ist, die Trauer darüber zuzulassen, und sich ins Unrecht gesetzt sieht, nur weil man bleibt.

          Joachim Gauck hat sich in seinen ersten hundert Tagen zu sehr vielen Themen geäußert, von Thilo Sarrazin bis hin zu Stuttgart 21, ohne der Versuchung zu erliegen, sich mit dem Bürger gegen die Parteien zu verbünden. Er ist so unabhängig geblieben, wie er es zuvor schon war. „Wir sind das Volk“, das sagt er oft, sei für ihn der schönste Satz in der deutschen Geschichte. Er begreift ihn für alle als Aufruf zur Selbstermächtigung. Ein solcher Satz würde in Frankreich auf der Flagge stehen, glaubt er; in Deutschland dagegen scheuten die Leute davor zurück, sich über die Freiheit zu freuen. „Manchmal hat die Nation nicht alle Tassen im Schrank“, sagt er dann noch. In ihm hat die Nation nun jedenfalls einen, der diese Tassen zählt.

          Das Angebot von Guido Westerwelle, im Streit um den Stuttgarter Hauptbahnhof zu vermitteln, hat Joachim Gauck übrigens gleich ausgeschlagen. Er habe „überhaupt keine Zeit“, ließ er ausrichten. Außerdem hatte er auch dazu das Nötige bereits gesagt.

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