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Joachim Fest : Hitler ist, was ich nicht bin

Er war langjähriger Herausgeber der F.A.Z.: Joachim Fest Bild: dpa

Gab es etwas, das Joachim Fest von Jacob Burckhardt lernen konnte? In welchem Verhältnis stand seine historische Methode zur Lebensform der Künstler? Patrick Bahners über die Skepsis und Ästhetik von Fest.

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          Hätte Joachim Fest dem Rat seines Vaters folgen sollen, von Hitler, dem ekelhaften Gegenstand, die Finger zu lassen und lieber das große Buch über die italienische Renaissance zu schreiben? Einer der Gründe dafür, daß Fest dieses Buch nicht geschrieben hat, liegt darin, daß es seit 1860 in der Welt ist. Jacob Burckhardt ist Fest zuvorgekommen, und zwar in durchaus spezifischem Sinne: nicht nur durch die Wahl des Themas, sondern auch in der Art der Behandlung. Die Renaissance gehört zu jenen historischen Themen, an denen erst durch die gestaltende Arbeit des Historikers hervortritt, daß sie überhaupt als Stoff der Geschichtsschreibung geeignet sind. Das kann man auch von Hitler sagen, und jedenfalls in diesem rein formalen Sinn ist Fests Hitler-Biographie tatsächlich der Ersatz für das Buch, das sein Vater sich von ihm versprochen hatte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wie sähe „Die Kultur der Renaissance in Italien“ aus, wenn Burckhardt den Marmorblock seines Sujets unbehauen gelassen und erst Fest hundert Jahre später den Meißel angesetzt hätte? Sicher möchte man annehmen, daß auch Fests Werk den Untertitel „Ein Versuch“ getragen hätte. Daß es ähnliches versucht hätte, darf man sich ausmalen. Burckhardt löste eine Revolution der Methode aus, indem er dem in ganz Europa herrschenden, gleichsam industriell reproduzierten Modell der Fortschrittsgeschichte das Panorama einer Epoche entgegensetzte. Keineswegs das Bild eines goldenen Zeitalters: Die Stimmung des Buches wird bestimmt durch das Problematische des Individualismus, das Provisorische der für die Neuzeit typischen Selbstermächtigungen.

          Geschichte hat kein Ziel

          Burckhardt nahm den Ruf auf den Berliner Lehrstuhl seines Lehrers Ranke nicht an, weil er fehl am Platz gewesen wäre, wo von den Historikern die Herleitung der glorreichen Gegenwartsverhältnisse erwartet wurde. Fest nahm mit der Freiheit des Außenseiters an den Historikerdebatten der siebziger und achtziger Jahre teil. Der Sozialgeschichte Bielefelder Provenienz trat er entgegen, weil er sah, daß dort unter dem Banner der Kritik weiter Legitimationswissenschaft betrieben wurde: Man rechtfertigte die noch nicht bestehenden, aber von Interessengruppen und Parteileuten gewünschten Zustände.

          Joachim Fest: Schriftsteller, Historiker und Hitler-Biograph

          Hinter den Modernisierungstheorien, die mit großem Aufwand aus Nachbardisziplinen importiert wurden, steckte der alte liberale Glaube an die kontinuierliche Verbesserung der Welt, über den schon Burckhardt gespottet hatte und der Fest im Lichte der seitherigen Geschichte nur noch töricht erschien. Fests Mißtrauen gegenüber dem Entwicklungsdenken, seine Ablehnung aller Versuche, der Geschichte ein Ziel oder eine Richtung zu unterschieben, ist ein durch und durch unbürgerlicher Zug seines Wesens.

          Konservatorische Aktivität

          So konnte Fest an Burckhardt rühmen, daß er es sich zur Lebensaufgabe gemacht habe, „das zähe Aufderstelletreten in allem Vorwärtsdrängen“ zur Anschauung zu bringen: „Es war diese Einsicht, die ihn gegen den Optimismus der Zeitgenossen wappnete.“ Burckhardts „tiefer Pessimismus“ stand nach Fest auch hinter der „unermüdlichen Leidenschaft des Sammelns und Beschreibens“; der Konservativismus des Basler Patriziers war nicht bloß Haltung, sondern konservatorische Aktivität.

          Freilich war Burckhardt kein Sammler nach Art der fürstlichen Kunstkammergründer, die das universalistische Moment der humanistischen Bildungswelt illustrieren. Seine „Kultur der Renaissance“ hatte nichts zu tun mit der Kulturgeschichte seiner Zeit, die in Kuriositätenkabinette stopfte, was im Zusammenhang der Haupt- und Staatsaktionen nicht der Rede wert schien. „Die Entdeckung der Welt und des Menschen“, die ein berühmtes Kapitel schildert, war ein wissenschaftlicher, künstlerischer und politischer Vorgang. Ohne Zentralperspektive keine Geopolitik. Der als Fachdisziplin verfaßten Historie hielt Fest vor, sie habe sich den offenen Blick verbaut, der der Anfang aller empirischen Wissenschaft ist.

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