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Joachim Fest : „Ein Mann von Statur“

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Für sein Lebenswerk erhielt Fest 2006 den Henri-Nannen-Preis Bild: dpa

Der Mann des Fernsehens, der Kunstfreund, der Historiker und der konservative Liberale: Weggefährten von Joachim Fest erinnern an die gemeinsam erlebten Momente.

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          Joachim Fest ist tot. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ihn. Kollegen, Freunde und Bekannte schildern ihre Eindrücke seiner Ansichten über Malerei, Film, Musik und Geschichte.

          Stefan Aust: Zweifel am Prinzip

          Die religiösen Eiferer und politischen Utopisten, egal ob vom rechten oder linken Wegrand, hatten an ihm einen, auf den sie nicht bauen konnten: „Auch wenn alle mitmachen - ich nicht!“ Das war das Lebensmotto von Joachim Fest, eine biblische Sentenz, die ihm sein Vater, ein erklärter Anti-Nazi, vermittelt und vorgelebt hatte. Fests letztes Buch über seine Jugend holte aus diesem Motto den Titel „Ich nicht“.

          Auf der Frankfurter Buchmesse 2004

          In einem seiner eindrucksvollsten Bücher, den „Begegnungen“ (2004), verriet Fest, der kühle Skeptiker mit dieser paradoxen Vorliebe für großbürgerlichen Stil, wie sehr ihn diese Grundhaltung mit Rudolf Augstein verband: Argwohn nach allen Seiten, „Zweifel als Prinzip“. Es war die wichtigste Lehre, die diese beiden großen Publizisten aus dem Albtraum namens Hitler gezogen hatten. Ein großer Mann, ein großartiger Autor - unabhängig nach allen Seiten. Er wird fehlen.

          Stefan Aust, geboren 1946, ist Chefredakteur des „Spiegels“.

          Bernd Eichinger: Ein Mann von Statur

          Das ist eine sehr bittere Nachricht. Ich habe Joachim Fest als ganz großen Historiker kennengelernt, nicht nur durch seine Veröffentlichungen, sondern auch durch unseren persönlichen Umgang, als wir am „Untergang“ gearbeitet haben. Ich habe ihn menschlich sehr geschätzt. Er war ein Mann von Statur. Er hat Geschichte so begriffen, wie sie begriffen werden sollte, nämlich als etwas Lebendiges. Er wußte, daß sich Geschichte über Personen erzählt und nicht über abstrakte Ereignisse.

          Joachim Fest ist einer der ganz wichtigen Historiker der Zeitgeschichte, speziell auf seinem Gebiet - Hitler und das Naziregime. Es war für mich ein großes Glück, Joachim Fest kennengelernt zu haben. Er war über die Maßen kompetent und akribisch, hat es dabei aber geschafft, einen nicht mit Details zu überhäufen. Er hat es vermocht, aus seiner Akribie heraus einen klaren Blick auf das Ganze zu vermitteln. Insofern hat er großen Stellenwert für die Geschichtsschreibung. Ich bin sehr betrübt, daß ein solch großer Mann nun nicht mehr da ist. Ich bin persönlich sehr getroffen.

          Bernd Eichinger, geboren 1949, ist Filmproduzent. Er hat mit seiner Firma Constantin den Film „Der Untergang“ produziert.

          Klaus von Dohnanyi: Wahrhaftig

          Wenn ein Freund so schnell geht, eine vertraute Stimme so plötzlich für immer schweigt, möchte man am liebsten selbst verstummen. Noch einmal hätte man es doch sagen wollen, ihn wissen lassen müs-sen, wie sehr sein Gesicht und sein Wort uns fehlen werden. Nun kann ich es ihm nur noch nachrufen. Joachim Fest stand in diesem Land auf einsamem Platz. Ein Ort, der ihm weite Sicht ebenso ermöglichte wie seinen Gegnern rundum die bissigsten Angriffe. Sein kundiges und sorgfältiges Wort suchte eine historische Wahrheit, von der er wußte, daß es sie niemals gibt; daß sie ihre Gestalt wechselt mit dem Blickwinkel der Zeit; aber daß sie zu suchen, immer wieder von neuem, die Aufgabe des Historikers bleibt. Wer so der Wahrheit mutig nachgeht, der wird den Weg auch gelegentlich verfehlen. Aber wer mit dieser Erfahrung dann auch seine Einsichten erneuert, der ist ein Vorbild für historische Ehrlichkeit und literarische Zivilcourage.

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