https://www.faz.net/-gqz-156ak

Jil Sander macht wieder Mode : „Ich bin nicht zum Spielen hergekommen“

  • -Aktualisiert am

Jil Sander ist zurück - und dankbar dafür Bild: dpa

Als sie ausstieg trauerte die Modewelt um eine Designerin, die kein Interesse an Phantasiegarderoben zeigte. Diskrete Eleganz war stattdessen das Markenzeichen von Jil Sander. Nun macht sie wieder Mode - in Japan und für den Massenmarkt.

          4 Min.

          Für einen Tag war Tokio die Hauptstadt der Mode; denn dort verkündete man gestern eine kleine Sensation: Jil Sander kehrt zurück in die Mode. Und das auf eine Art und Weise, die sich niemand hätte träumen lassen. Im Jahr 1999 verkaufte sie den Hauptanteil ihres Unternehmens an Prada, stieg ein Jahr später unüberbrückbarer Differenzen wegen aus, kehrte noch einmal kurz zurück und verschwand dann ganz von der Bildfläche.

          Die Modewelt trauerte um diesen Verlust. Verloren ging ihr eine Künstlerin, die kein Interesse an opulenten Phantasiegarderoben hatte. Stattdessen entwarf sie Mode von diskreter Eleganz, deren Wirkung in klugen, avancierten Schnitten und ihrer Kombination mit erstklassigen Stoffen lag. Die ausgebildete Textilingenieurin trat 1973 dazu an, ihr Geschlecht von Rüschen und Firlefanz zu befreien: „Ich habe immer den Wunsch gehabt, die Frauenmode zu revolutionieren. Manchmal sah es so aus, als hätte sie sich emanzipiert und Abschied vom Pomp genommen. Aber nach ein paar Jahren tauchte er immer wieder auf. Im Moment gibt es in der Mode ja diese ganzen Drapierungen, die sehen dann aus wie eine Hotelgardine.“ Die Schlacht schien verloren, zumal Jil Sander sich verpflichtet hatte, ihren Namen für kein neues Unternehmen zu verwenden.

          Qualität, die nicht selbstverständlich ist

          Umso verblüffender ist der Ausweg, den sie nun aus der Sackgasse gefunden hat. Die 1943 geborene Hamburgerin wird für die japanische „Fast Retailing Co Ltd.“-Gruppe und deren im Massenmarkt heftig expandierende Marke

          Die Schnörkellose 1983 in ihrem Büro: Jil Sander war schon immer gegen Kleider, die aussehen wie Gardinen

          „Unique Clothes“ - kurz „UniQlo“ - tätig sein. Die Firma, der dieser Coup glückte, ist auf sogenannte Basics spezialisiert, liegt preislich auf dem Niveau von H&M, Zara und Gap und behauptet sich durch eine Qualität, die auf diesem Niveau nicht selbstverständlich ist. In den vergangenen paar Jahren wurde der Graben zwischen Massenmarkt und Designerkleidung hin und wieder überbrückt, etwa als Karl Lagerfeld und Rei Kawakubo Gastkollektionen für H&M entwarfen. Doch dass ein Spitzendesigner seine Kraft und Expertise vollständig einem Kleidungskettenunternehmen widmet, ist ein absolutes Novum, das nur aus Jil Sanders besonderer Situation zu erklären ist.

          Das Konservative, Ordentliche gefällt

          „Ich stehe hier morgens um halb sechs auf und komme abends um halb zwölf zurück ins Hotel“, berichtet Jil Sander in ihrem ersten Interview seit vielen Jahren, das sie der F.A.Z. von Tokio aus gegeben hat, wo sie seit zwei Wochen die Anproben der Herbstkollektion überwacht: „Aber heute Nachmittag war ich im Zirkus, und da konnte ich mir die Menschen anschauen. Es gibt eine große Mittelklasse hier, alle lachen an derselben Stelle. Doch gerade das gefällt mir an ,UniQlo', das Konservative, Ordentliche, die ganze Logistik. Es ist dieser Stolz auf die Tradition, mit dem sich etwas Neues, das Qualität hat, schaffen lässt.“

          In Asien führt die Firma bereits an die achthundert Geschäfte, nun steht die Expansion in den Westen auf dem Programm, und es zeugt von visionärem Potential, dass man sich dafür europäischer Hilfe und - für die männlich dominierte Unternehmenskultur in Japan nicht selbstverständlich - einer Frau versichert hat. Und die meint es ernst: „Am Anfang ist es natürlich, als ob man eine Weltkugel anschieben soll, und das erzeugt bei mir eine Achterbahn der Gefühle. Ich muss herausfinden, wie das ganze Unternehmen funktioniert, wie die Produktionsprozesse laufen und wo sie umgestellt werden müssen, ich bin ja nicht zum Spielen hergekommen.“

          Weitere Themen

          That Sicherheitsnadel!

          Von Punk zu Mainstream : That Sicherheitsnadel!

          Zerrissene Jeans, Nieten und eine Sicherheitsnadel im Ohr: Das punkige Accessoire ist im Mainstream angekommen – diese Stücke von Versace, Prada und Saskia Diez lassen sich auch ohne Lederjacke kombinieren.

          Topmeldungen

          Tesla-Fabrik in Deutschland : Angriff im Heimatmarkt

          Für die deutschen Autohersteller wird der Wettbewerb noch schwieriger, wenn Tesla in Brandenburg eine große Fabrik baut. Ein Selbstläufer ist das Projekt allerdings nicht – Tesla muss sich auf einen harten Wettkampf einstellen.
          Die Köpfe hinter der Marke: Porsche-Design-Geschäftsführer Jan Becker (rechts) und Design-Chef Roland Heiler

          Porsche-Design-Chefs : Wann ist ein Mann ein Mann?

          Porsche Design steht für Männlichkeit, Geld und Stil. Im Interview sprechen die Chefs der Marke über neue Rollenbilder, gläserne Garagen – und anderen Luxus, den die Welt nicht braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.