https://www.faz.net/-gqz-6w5k5

Jerusalems Klang : Lauter Heilige

  • -Aktualisiert am

Blick über die Altstadt Jerusalems Bild: Monika Rittershaus

Juden, Christen und Muslime versuchen in Jerusalem den Ton anzugeben. Egal, ob sie dabei Glocken oder Lautsprecher einsetzen, sie lassen die anderen Religionen nicht in Ruhe. Eine Klanggeschichte.

          10 Min.

          Die Details des Einsatzes hatte man tagelang minutiös geplant, jetzt hing es nur noch davon ab, dass der sechzehn Jahre alte Abraham Elkayam nicht im letzten Augenblick Mut und Atem verlor. Er sollte sich durch die Linien misstrauischer britischer Soldaten schmuggeln und vor der Klagemauer zu Jom Kippur, dem höchsten religiösen Feiertag der Juden, nach altem Brauch ins Widderhorn, auf Hebräisch Schofar, blasen. Obwohl das die Briten verboten hatten. Noch immer leuchten die Augen des inzwischen Achtzigjährigen, wenn er von jenem Moment im September 1947 spricht, als er einer Supermacht die Stirn bot.

          Die jüdischen Gebete zu Füßen des Tempelbergs und der al-Aqsa Moschee, Juden und Muslimen gleichermaßen heilig, waren seit 1928 zum Brennpunkt des brodelnden Konflikts zwischen Palästinensern und Zionisten geworden. Vorher hatten Juden nach der Zahlung eines Bakschisch das Schofar blasen dürfen, aber in der aufgeheizten Stimmung in Palästina der dreißiger Jahre begannen die Araber, jedes Anzeichen jüdischer Präsenz in Jerusalem zu bekämpfen. Anfangs trieben Hirten ihre Esel durch die betende Menge. Später eskalierte der Kampf, als beide Seiten versuchten, den Gegner zu übertönen. Zuerst installierte der Waqf, die muslimische Verwaltung der Moscheen auf dem Tempelberg, einen Muezzin über der Klagemauer. Danach ließ er vor Ort regelmäßig einen „Dhikr“ abhalten - ein muslimisches Ritual, in dessen Rahmen mit Untermalung von Flöten und Trommeln stundenlang die 99 Namen Allahs und Koransuren zitiert werden. Die immer lauter werdenden Gebete heizten die Stimmung zwischen Juden und Muslime so lange an, bis 1929 aus dem Schreiwettbewerb ein handfestes Pogrom wurde, bei dem Hunderte starben.

          Es ist unerträglich geworden

          Die Briten setzten eine Untersuchungskommission ein, um Regeln für das Beten festzulegen: Die Juden erhoben gegen das Dhikr Einspruch „wegen des begleitenden widerlichen Kraches“, schrieb die Kommission und empfahl: „Muslime sollte es verboten werden, die Dhikr Zeremonie während der jüdischen Gebete auszuführen oder die Juden auf irgendeine andere Weise zu verärgern.“ Juden hingegen „sollte es nicht gestattet sein, das Schofar neben der Klagemauer zu blasen oder jede andere vermeidbare Störung der Muslime vorzunehmen“, so die Kommission. Es sollte zwischen den Parteien herrschen.

          Jemanden wie Abraham Elkayam forderte so etwas nur heraus: „Der Ton des Schofars symbolisiert die Erlösung des Volkes Israel“, sagt der Rentner und, dass er sich „in meinem Land doch nicht den Mund verbieten lasse.“ Als er damals ins Horn blies, und das markerschütternde Gejaule ertönte, trieben die Briten die Betenden mit Schlagstöcken auseinander. Abraham Elkayam wurde verhaftet und abgeführt. Aber das störte den jungen Eiferer nicht. Er hatte Geschichte geschrieben. Er war der letzte Jude, der vor der Eroberung Ostjerusalems durch die Jordanier 1948 an der Klagemauer ins Schofar blies. Bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967, als Israel die Altstadt Jerusalems eroberte, verhinderten die Jordanier den alten Brauch vor dem jüdischen Heiligtum.

          Heute ertönen muslimische Gebete, christliches Gebimmel und das Geheule von Sabbatsirenen im Heiligen Land , alle versuchen einander zu übertönen. „Die Christen in der Altstadt beschweren sich über den Krach der Moscheen“, sagt Reverend David Pileggi von der Christ Church neben dem Jaffa-Tor in Jerusalem, „es ist unerträglich geworden.“ Vom Dach seiner Kirche blickt er auf die Moschee nebenan, wo vier neue Lautsprecher silbrig in der gleißenden Wintersonne funkeln. Fünf Mal täglich dringt hier der „Adhan“, der Gebetsruf der Muslime, mit solcher Wucht aus der Anlage, dass „man sich selbst kaum denken hört“, so Pileggi. „Die Gebete werden lauter, die Lautsprecher zahlreicher.“

          Weitere Themen

          Musik mit ganz neuen Spielregeln

          Jazzpianist Michael Wollny : Musik mit ganz neuen Spielregeln

          Wenn vier Männer wie Figuren in einem Videospiel durch die Musik laufen: „XXXX“ heißt die neue magische Platte des Jazzpianisten Michael Wollny, die er mit Emile Parisien, Tim Lefebvre und Christian Lillinger aufgenommen hat.

          Topmeldungen

          Vorbild für Moskau: Ein Mann lässt sich in der russischen Hauptstadt am Donnerstag mit dem Vakzin Sputnik V impfen

          Impfen in Russland : Moskau prescht mit Pflichtimpfung vor

          Moskaus Bürgermeister und drei weitere russische Regionen verpflichten Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter gegen das Coronavirus zu impfen. Der Kreml hingegen zögert angesichts der Impfunwilligkeit der Russen.
          Naomi Osaka in einem Archivbild von 2019. Die 23-Jährige wird nicht in Wimbledon spielen.

          Nach Rafael Nadal : Auch Naomi Osaka verzichtet auf Wimbledon

          Die 23-Jährige hatte jüngst enthüllt, dass sie unter Depressionen leidet. Zur Olympiade in ihrem Heimatland Japan wolle sie aber antreten. Nach der gesundheitlich bedingten Absage von Nadal fehlt Wimbledon damit ein zweiter Superstar.
          Annalena Baerbock signiert am Donnerstag nach der Vorstellung ihres Buches ein Exemplar

          F.A.Z. Exklusiv : Baerbocks Pakt mit der Wirtschaft

          Die grüne Kanzlerkandidatin konkretisiert ihr Wirtschaftsprogramm. Ein zentraler Punkt sind Klimaschutzverträge, über die sie Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen will. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.