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Jerry Cotton : Der amerikanische Traum, der in Deutschland wahr wurde

  • -Aktualisiert am

Als Geigenkästen noch geladen waren: Jerry-Cotton-Film von 1965 Bild: WDR

Fünfzig Jahre nach seinem ersten Abenteuer ist "Jerry Cotton" kein Schund mehr, sondern pulp fiction: ein selbstreferentielles Hase-und-Igel-Spiel, dessen Regeln Verleger, Autoren und Leser kennen.

          6 Min.

          Jerry Cottons sagenhafte Karriere ist ein amerikanischer Traum, der in Deutschland wahr wurde; kein Zufall, daß es chinesische und finnische, aber keine englischen Übersetzungen davon gibt. Jeremias Baumwolle, ursprünglich nur als "Juxfigur" und Mike-Hammer-Parodie angelegt, hat fast dreitausend Fälle gelöst und seine Berichte in 750 Millionen Heftchen und neunzehn Sprachen verbreitet.

          Er ist nicht älter, nur klüger geworden seit jenem Tag im März 1954, als sein Daddy ihn mit einer kleinen Ansprache in die große weite Welt hinausschickte: "Jeremias, du bist nun 21 Jahre alt. Ich finde, du bist zu schade, um in Harpers Village zu versauern. Du hast ausgezeichnete Muskeln und keinen dummen Kopf. Hier sind einhundert Dollar. Nimm sie, mein Sohn, und mache damit in New York dein Glück." Der junge Mann aus der Provinz wurde im Sündenbabel übers Ohr gehauen und schon bei seinem ersten Job als Türsteher in Brerriks Nachtclub niedergeschlagen. Aber er fand im FBI-Hauptquartier, Federal Plaza 26, sein Glück und eine Ersatzfamilie: John D. High, den väterlichen Chef, Phil Decker, seinen brüderlichen Partner, Helen und Myrna, mütterliche Sekretärinnen, die ihn so neckisch wie Miss Moneypenny oder Fräulein Rehbein umsorgten.

          Zuviel Karl May und ein klappriger Käfer

          Einer zweiten Legende zufolge wies der Dorfschmied Jerry den Weg ins Freie. In der dritten und plausibelsten waren seine Väter ein einunddreißigjähriger Waschmittelvertreter, der zuviel Karl May gelesen hatte, und ein Selfmade-Verleger, der am Küchentisch Heftchenreihen entwarf und sie mit einem klapprigen Käfer auslieferte.

          Der ehemalige Luftwaffenoffizier und Feuilletonredakteur Gustav H. Lübbe war überzeugt, daß "auch das einfache Publikum gute und saubere Dinge" lesen will, Konsalik eben oder "Silvia"; sein Autor - er wurde nach einer Karriere im Henkel-Konzern erst 1998 als Delfried Kaufmann enttarnt - glaubte fest an Wirtschaftswundermärchen. "Egal, wie du heißt, egal, wo du herkommst, du kannst es schaffen und ein feiner Kerl sein", beschreibt er in Friedrich Jakubas Buch "G-man Jerry Cotton" seine Philosophie: "Ich bediente deutsche Träume von Amerika."

          Wo edle Ritter über Recht und Ordnung wachen

          New York war 1954 nicht nur die Hauptstadt des Verbrechens; es war auch literarisch ergiebiger als die verstaubten Landsitze des Whodunit-Krimis oder das nebelige London eines Edgar Wallace. Für die Deutschen war es das real existierende Utopia, eine Traumstadt, in der Coca-Cola und Whiskey flossen und Care-Pakete mit Dollars und Kaugummi auf der Straße lagen. Überall lungerten Mafia-Killer, Psychopathen und korrupte Politiker, aber es gab in den Straßen von New York auch eine Tafelrunde edler Ritter, die furchtlos über Recht und Ordnung wachte. Jeder Tellerwäscher konnte Millionär, jeder Türsteher FBI-Agent, jeder Dreigroschenroman ein Pop-Mythos werden. G-man Jerry Cotton - G wie Government, nicht wie Gun - hatte den wunden G-Punkt deutscher Sehnsüchte getroffen.

          Zu seinen besten Zeiten bekannten sich Willy Millowitsch, Franz Josef Strauß und Horst Tappert (dem 1966 selber einmal "Die Rechnung eiskalt serviert" wurde) zu ihm. Man durfte den Schupo ungestraft "Jerry" rufen; der spätere Verkehrsminister Matthias Wissmann überprüfte unter der Schulbank Fahr- und Laufwege anhand New Yorker Stadtpläne und entdeckte: "Es stimmte immer alles." Heute ist Jerry Cotton immerhin noch "Kult", also Gegenstand von trivialliteraturwissenschaftlichen Studien, Parodien und wehmütigen Erinnerungen. Harald Schmidt las erst kürzlich aus alter Liebe Cottons ersten Fall als Hörbuch ein.

          Löwenkraft und Kinderherz

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