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Ökonom Jeremy Rifkin : Das Ende des Kapitalismus

Konzerne bloß als Starthelfer

In Rifkins Zeitrafferaufnahme sind nicht nur Internettraditionsunternehmen wie Ebay, Amazon oder Facebook, sondern auch die gerade noch gehypten Unternehmen der Sharing-Ökonomie lediglich Akteure einer Übergangsphase, einer „hybriden Ökonomie“, in der Kapitalismus und soziale Commons nebeneinander existieren. In der neuen Wirtschaftsordnung wird man sie genauso wenig brauchen wie Plattenfirmen, Kaufhäuser, Stromkonzerne und all die anderen Zwischenhändler des analogen Kapitalismus. Ein bisschen dürfen sie noch mitverdienen am Aufbau des „Super-Internets“, das die Bereiche Kommunikation, Energie und Logistik integriert. Doch wenn es halbwegs von alleine läuft, glaubt Rifkin, wird die Crowd anfangen, auch die Steuerung und Kontrolle dieser Weltmaschine zu übernehmen.

Dass die Macht der Internetmonopolisten gerade darin besteht, den allgemeinen Zugang zu den Daten, also gewissermaßen zum Rohmaterial der neuen Ökonomie, zu verhindern; dass also nicht einfach jeder dahergelaufene Datenschneider in seinem Heimatelier eine neue Suchmaschine oder ein soziales Netzwerk zusammenschnipseln kann, ist für ihn kein Gegenargument, im Gegenteil: Wie die Fabrikarbeiter der industriellen Revolution werden sie sich, wenn sie sich erst einmal ihrer Macht bewusst sind, zusammenschließen und ihre Rechte erkämpfen.

Rifkin kann ohne Punkt und Komma erzählen von dieser idealen neuen Welt, in der sich jeder in das globale Nervensystem einklinken kann, um irgendeine Idee einzuspeisen, die dann am anderen Ende als 3-D-Ausdruck wieder herauskommt. Natürlich klingt das alles nach einer Neuausgabe des „Whole Earth Catalogue“, und spätestens wenn Rifkin irgendwann ins Transzendentale abdriftet, wenn er den „Übergang zum Biosphärebewusstsein mit einer Ausweitung unserer Empathie auf die ganze Menschheit als unserer Familie und auf unsere Mitgeschöpfe als evolutionäre Großfamilie“ ankündigt, ist der Moment gekommen, wo auch die Staatschefs und Minister, die sich so gern von ihm beraten lassen, die Augen verdrehen.

Ökonomie der Kollaboration

Es ist aber der Punkt, an dem es interessant wird. So falsch, naiv, geschwätzig man Rifkins Digitalromantik finden kann, so wenig hat sie mit den Slogans zu tun, die in der Ideologie des Silicon Valley davon übrigbleiben, einer Ideologie, die man ja vor allem daran erkennt, dass sie das Grand Design, die politischen und ökonomischen Effekte ihrer Spielzeuge verschweigt. Statt großer Gesellschaftsentwürfe formuliert sie Floskeln und glaubt, die Welt retten zu können, indem sie Apps gegen Alltagsprobleme programmiert.

Es sind vielleicht nicht immer die richtigen Interpretationen, die Rifkin liefert, es sind aber die richtigen Kategorien. Das gilt auch für den wichtigsten Aspekt seiner Überlegungen, seine Kulturanthropologie. Das interessanteste Kapitel ist jenes, in dem er sich, wenn auch nur skizzenhaft, mit der Frage der Freiheit beschäftigt. Dass die herrschenden Vorstellungen von Privatsphäre eben auch nur die lieb gewonnenen Anpassungen an eine Welt des Privateigentums sind, „wo alles auf die Dichotomie ,mein‘ und ,dein‘ reduziert war“, dass es sich dabei also um Errungenschaften handelt, nicht um ein Menschenrecht, das sollte man eben auch im Hinterkopf haben, wenn man sie verteidigen möchte. Wenn man das eine ohne das andere haben will, die Autonomie ohne das Automobil gewissermaßen, reicht Technologiekritik allein nicht aus. Die Kraft der Autonomie, hat Theodor W. Adorno einmal gesagt, ist die Kraft des Nicht-Mitmachens. In einer Ökonomie der Kollaboration ist sie nicht vorgesehen.

Umso wichtiger ist es, dass ab und zu jemand wie Rifkin kommt, der die Fenster aufreißt und die richtigen Begriffe reinlässt. Am Donnerstag war er zu Gast bei Maybrit Illner. Auch dort sollte es um die Zukunft gehen. Stattdessen diskutierte die Runde über Entlassungen bei Karstadt und die 35-Stunden-Woche.

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