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Jeremy Irons wird 70 : Wie man den Untergang als Sieger übersteht

Er war Swann, der Geliebte der Halbweltdame Odette: Jeremy Irons 1984 Bild: Picture-Alliance

Ein Herrschsüchtiger oder einer, den die Liebe blind macht? Der englische Schauspieler Jeremy Irons zelebriert die Vollendung seiner Verwandlungskunst. Heute wird er siebzig Jahre alt.

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          Es gibt einen Rollentypus, den Jeremy Irons glaubhafter verkörpert hat als jeder andere im Kino der letzten Jahrzehnte: den verführten Mann, den Mann, den die Liebe blind macht. Er war Swann, der Geliebte der Halbweltdame Odette, in Volker Schlöndorffs Proust-Film von 1984. er war der britische Staatssekretär Fleming, der in Louis Malles „Verhängnis“ eine Affäre mit der Verlobten seines Sohnes beginnt, der französische Diplomat Gallimard, der sich in David Cronenbergs „M.Butterfly“ in eine Diva der Peking-Oper verliebt (von der außer ihm jeder weiß, dass sie keine Frau ist) und der Schriftsteller Humbert Humbert, der in Adrians Lynes Nabokov-Adaption von 1997 dem Mädchen Lolita verfällt.

          Andreas Kilb
          (kil.), Feuilleton

          Das ist die eine Seite des Schauspielers Irons. Die andere sind jene Mannsbilder, die ihre Herrschsucht im Ornat und im Harnisch oder im Duell mit den Kräften des Guten ausleben: der Fiesling in „Stirb langsam3“, der Ritter Tiberias in „Königreich der Himmel“, der Earl of Leicester in „ElizabethI“, der skrupellose Papst Alexander in der Fernsehserie „Die Borgias“ und zuletzt der Russengeneral Kortschnoi in dem Agententhriller „Red Sparrow“. In Interviews hat Irons von dem Spaß erzählt, den er an solchen Rollen hat, und man sieht es ihm an: Er führt das Böse nicht bloß vor, sondern genießt und zelebriert es als Vollendung seiner Verwandlungskunst.

          Irons als der skrupellose Papst Alexander in der Fernsehserie „Die Borgias“
          Irons als der skrupellose Papst Alexander in der Fernsehserie „Die Borgias“ : Bild: LB Television Productions Limited/Borgias Production

          Und natürlich gehören beide zusammen: der Mann, der die Hand am Schalthebel hat, und der Mann, der vor Gier zu stottern beginnt; der Mann in Uniform und der Mann in Pyjama und Unterhemd. In „M. Butterfly“ hat Irons’ Diplomat die Krawatte noch um den Hals, während sein chinesischer Liebhaber schon zwischen seinen Beinen zugange ist, und auch der Held in „Verhängnis“ kommt selten dazu, seine Socken abzulegen, bevor er über Juliette Binoche herfällt. Die Liebe ist die Feuerprobe dieser Charaktere, und nur im Scheitern wird sie bestanden. Aber diesem Scheitern gibt Irons unvergessliche Würde. Im Fallen leuchten seine Figuren auf, und unter der Rüstung kommt das verletzliche Innere zum Vorschein. Nur Dummköpfe haben nie erfahren, was Verlieren heißt. Bei Irons kann man lernen, wie man den Untergang als Sieger übersteht.

          Wenn man zu diesen ikonischen Rollen die vielen anderen Figuren hinzuzählt, die er gespielt hat – den Bürgersohn Charles in „Wiedersehen mit Brideshead“, der Serie, durch die er berühmt wurde, den Partner von Meryl Streep in „Die Geliebte des französischen Leutnants“, den Missionar in „Mission“, die Mantle-Zwillinge in „Die Unzertrennlichen“, den Investmentbanker in „Margin Call“, den Gymnasiallehrer in „Nachtzug nach Lissabon“ – fragt man sich, was dieses menschliche Pandämonium eigentlich zusammenhält.

          Es ist, natürlich, sein Gesicht, es ist das schlaksige Virtuosentum seiner Körpersprache. Vor allem aber ist es seine Stimme. Wer sie hört, möchte nicht glauben, dass sie einmal jung war oder jemals altern könnte. Es ist, als spräche ein Baum, ein Felsen oder ein Tier. Mögen wir sie noch oft zu hören bekommen. Heute wird Jeremy Irons siebzig Jahre alt.

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