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Gina Thomas (G.T.)

Corbyns Antisemitismus : Nicht in seinem Namen

  • -Aktualisiert am

Weist alle Antisemitismus-Vorwürfe von sich: Der britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn. Bild: AP

Der Vorsitzende der britischen Labour-Partei Jeremy Corbyn tritt dafür ein, dass die Gründung Israels als „rassistisch“ bezeichnet werden darf. Ist es Sturheit, historische Unkenntnis oder ideologische Verblendung?

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          Freunde von Jeremy Corbyn beteuern, dieser habe keinen einzigen antisemitischen Knochen in seinem Körper. Der britische Oppositionsführer hat versprochen, der Labour Party den Antisemitismus auszutreiben und erklärt, dass diejenigen, die antisemitisches Gift streuten, begreifen müssten: „Ihr tut dies nicht in meinem Namen!“ Die Organisation – wer auch immer sie sein mag, die jetzt an verschiedenen Bushaltestellen in der Londoner Stadtmitte große Plakate angebracht hat, auf denen steht „Israel ist ein rassistisches Projekt“ – lehnt sich jedoch direkt an Jeremy Corbyn an.

          Bei der Sitzung des Exekutivkomitees seiner Partei, das sich nach monatelangem Zerren schließlich dazu durchgerungen hat, den vollen Wortlaut der Definition des Antisemitismus der International Remembrance Alliance in ihren Verhaltenskodex aufzunehmen, hatte der Parteiführer versucht, eine signifikante einschränkende Klausel einzubringen. Diese bezog sich auf den Passus der Definition, der „das Absprechen der Rechte auf Selbstbestimmung des jüdischen Volkes, beispielsweise durch die Aussage, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Projekt“, als antisemitisch bezeichnet. Die Labour-Parteiführung hatte sich bis dahin geweigert, die Antisemitismus-Definition ganz zu übernehmen, weil sie befürchtete, dass einige der aufgeführten Beispiele Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichsetzten und somit das Recht auf freie Meinungsäußerung einschränkten.

          Es geht ihm nicht weit genug

          Dabei sind unter denen, die Corbyn des Antisemitismus bezichtigen, auch scharfe Kritiker der israelischen Regierung zu finden, wie bei der Versammlung der Jüdischen Labour-Bewegung am vergangenen Wochenende deutlich wurde. Die Labour-Abgeordnete Margaret Hodge, die sich in der Antisemitismus-Debatte mit Jeremy Corbyn besonders angelegt hat, erntete tosenden Applaus, als sie das unlängst von der Regierung Netanyahu verabschiedete israelische Nationalitätengesetz als „widerwärtig“ verurteilte.

          Auf ähnliche Zustimmung stieß der ehemalige Labour-Premierminister Gordon Brown mit seiner Forderung nach einem palästinensischen Staat an der Seite Israels, nach der Anerkennung Jerusalems als gemeinsamer Hauptstadt von Juden, Christen und Arabern und nach dem Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten. Das geht Corbyn offenbar nicht weit genug. Ob aus Sturheit, aus historischer Unkenntnis, aus ideologischer Verblendung oder gar, wie viele inzwischen glauben, aus Dummheit wollte er schwarz auf weiß geschrieben haben, dass es zulässig sei, „Israel, seine Politik oder die Umstände seiner Gründung“ als rassistisch zu bezeichnen. Nach den Worten eines Sprechers sei es ihm darum gegangen zu garantieren, dass die Rechte der Palästinenser und deren Anhänger nicht unterhöhlt würden.

          Der Antrag wurde abgelehnt. Dass Corbyn ihn überhaupt eingebracht hat, bestätigt, wie wenig er über die Umstände der Gründung Israels und den Unterschied zwischen Zionisten und Juden anderer politischer Überzeugungen begriffen hat oder begreifen will. Sonst hätte er nicht behaupten können, dass Zionisten kein Ohr für englische Ironie hätten, „obwohl sie schon sehr lange in diesem Land gelebt haben“, und sonst hätte er es ebenfalls nicht versäumt zu bemerken, dass auf einem anstößigen Wandgemälde, dessen Entfernung er in Frage stellte, krasse jüdische Stereotypen dargestellt waren. Der Labour-Schattenschatzkanzler John McDonnell hat die Plakataktion an den Bushaltestellen verurteilt. Von Jeremy Corbyn war bis zuletzt kein Wort zu vernehmen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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