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Jens Spahns Bewerbungsvideo : Partei mit Herzbeschwerden

Unser Gesundheitsminister: Einer, der sich auch mal auf die Nase drückt. Bild: Screenshot Youtube / Jens Spahn

Wenn man nur schwammig genug redet, bekommt man alle irgendwie zusammengetrommelt: Oder was genau hat sich Jens Spahn dabei gedacht, sich mit diesem Video für die Merkel-Nachfolge zu positionieren?

          Alle anderen reden nur. Jens Spahn hingegen läuft durch das herbstlich gefärbte Berlin, zupfelt sich Manschetten und Kragen zurecht und lässt sich dabei filmen. „Neustart. Für die CDU. Für Deutschland.“ heißt das elliptisch betitelte Filmwerk, in dem Spahn eine gute Minute lang so viele Christian-Lindner-Pressefotos wie möglich nachstellt.

          Man kann „Neustart“ nur als Bewerbungsvideo für den CDU-Vorsitz auffassen. Und muss Spahn ein wenig dafür bewundern, dass er in wenigen Tagen einen Markenkern in sich ausmachen konnte, den er nun, professionell aufgearbeitet, mit der Öffentlichkeit teilen möchte. Und so hört man seiner Stimme zu, wie sie, unterlegt mit einer perkussionslastigen Musik, die man „flott“ nennen könnte, extralangsam und extrabetont Allgemeinplätze vorliest vom demokratischen Herz der CDU oder dem CDU-Herz der Demokratie oder der CDU-Demokratie der Herzen.

          Besagtes Herz schwächelt jedenfalls, während Spahn durch Büroflure schlappt und Aufzug fährt. Es soll wieder, der Gesundheitsminister kennt sich damit ja aus, kräftiger schlagen, einen Therapieplan hat er dafür auch schon: Man kann zusammen stark werden. Und während man noch überlegt, wie das nun genau gehen soll, ist Spahn nun draußen irgendwo auf der Straße und breitet die Arme aus, als wolle er abheben. Von Christian Lindner hat er das jedenfalls nicht. Bange Frage: Wird das sein Signature Move?

          Stark und doch umarmend: Jens Spahn.

          Es wird im Folgenden leider nicht viel klarer: Tolerant, aber nicht naiv, pragmatisch, aber nicht beliebig, offen debattieren und konsequent entscheiden: Dieses Programm ist, vorsichtig gesagt, ziemlich offen für Interpretation. Spahn guckt dabei erst einmal träumerisch ins Grüne, dann wieder gestikuliert er mit ernster Miene vor einem Publikum herum, während sich kontrastfarbige Schlagworte ins Bild schieben: Rumms, TOLERANZ. Rumms, PRAGMATISCH. Gegensatzpaare also: Einer, der Landschaft ganz gut findet, aber auch mit Menschen redet. Wer würde da schon ernsthaft widersprechen wollen? Wenn man nur schwammig genug formuliert, so anscheinend die Intention dieses Castingvideos, bekommt man alle irgendwie zusammengetrommelt, weil wir schließlich alle zusammen für die CDU stark werden wollen, wegen der demokratischen Herzbeschwerden. Vielleicht darf man auch einfach nicht so genau darüber nachdenken.

          Rechtsstaat und Sicherheit ist das nächste Gegensatzpaar, und nun ist da endlich die klassische Christian-Lindner-Situation: Mann mit leuchtendem Smartphone nachts im Fond einer Dienstlimousine, das Jackett schon ausgezogen, es war ein langer Tag, aber der nimmermüde Politprofi hat noch dem Land zu dienen. Er muss am nächsten Tag wieder in einem Kindergarten am Tisch sitzen, wo lieb zusammen gekocht wird und das Kruzifix an der Wand hängt, und dort auf seiner Nase herumdrücken. Eine menschliche Komponente braucht so ein Video schließlich. Herr Spahn, oder „#SPAHN“, ist auch einer, der sich mal auf der Nase rumdrücken kann.

          Denn gleich ist auch schon wieder das Telefon wichtiger und das Genestel an Manschettenknöpfen und Kragen. Im Hintergrund verschwimmt ein ziemlich leeres Berlin, aber das ist vermutlich das, was übrig bleibt, wenn man „elitäre Hipster“ und „Muskelmachos“ nicht leiden kann, was bundesweit bekannt ist, seit Spahn beides in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu Protokoll gab. „Ich will einen Neustart. Für die CDU. Für Deutschland.“, so die letzten, programmatischen Worte, die dem Werk seinen Titel verleihen. Wo hört klare Sprache auf, wo fängt das sprichwörtliche kranke Pferd an?

          Die klassische Lindner-Pose: Nach langem Tag unermüdlich in der Dienstlimousine.

          Aber Jens Spahn gibt darauf keine Antwort, er wendet sich ab und faltet liebevoll seine Krawatte, die er während des Videos immer nur zu besonderen Anlässen trägt. Vermutlich, sagt uns diese zärtliche Geste, wird es gleich wieder staatstragend, und Jens Spahn hat das wichtigste Accessoire immer dabei. Falls zufällig irgendwo ein Vorsitzender gesucht wird, #SPAHN hat die Krawatte schon in der Tasche.

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