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Jeff Koons und die Folgen : Das Geld muss halt irgendwohin

Glänzt wie ein Geländewagen, ist dick wie ein Geländewagen und unfassbar teuer – Jeff Koons’ überlebensgroßer „Balloon Dog“ entspricht dem neuen Oligarchengeschmack perfekt Bild: dpa

In New York wird Jeff Koons’ „Balloon Dog“ für 58,4 Millionen Dollar versteigert – und sein Erfinder überall als „teuerster lebender Künstler“ gefeiert. Aber was sagt uns das?

          4 Min.

          Vorgestern Abend in New York: Jeff Koons’ „Balloon Dog“ – eine tonnenschwere Vergrößerung der in Hundeform verknoteten Luftballons, die von Straßenhändlern auf großen Plätzen verkauft werden – wird bei Christie’s für 58,4 Millionen Dollar versteigert. Sofort allgemeiner Meldungsalarm: Koons habe Gerhard Richter „vom Thron des teuersten lebenden Künstlers gestoßen“, sei „souverän vorbeigezogen“, sein Hund liegt jetzt gut zwanzig Millionen Dollar über dem bisherigen Rekord, den Richter aufstellte, als im Mai sein „Domplatz, Mailand“ bei Sotheby’s für 37 Millionen Dollar versteigert worden war.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Zu den erstaunlichen Entwicklungen in der Welt der Kunstauktionen gehört neben all diesen Preisen die Annäherung der Berichterstattersprache an den Ton von Sportreportagen: „Koons“, titelt ein Branchendienst, „überholt Richter“, der vor einem Jahr schon einen „Fehlstart“ hingelegt habe, als er bei Christie’s zweimal unter großem Geraune des Publikums vorzeitig stehenblieb – für „Prag 1883“ war bei 8,8 Millionen Dollar Schluss, für „Große Teyde-Landschaft“ bei neun Millionen, nicht genug für den Zuschlag: Motorschaden bei Richter! Was Richter vermutlich vollkommen egal ist, anderen aber nicht. Denn während lange die Präsenz in großen Museen als Maßstab für die Bedeutung eines Künstlers galt, ist es nun – zumindest für ein bestimmtes Milieu der internationalen Kunstwelt – seine Plazierung in den Rekordlisten der Auktionshäuser.

          Ein abgekartetes Spiel

          Für dieses Milieu supersolventer Sammler ist die öffentliche Steigerung der Preise ins Phantastische das ultimative Souveränitätsritual: In einer Zeit, in der man unter Milliardären niemanden mehr mit Poloteams, Privatinseln, gelblackierten Kampfjets oder gemusterten Luxusyachten beeindrucken kann, balgt man sich um die knappste Ressource: seltene Kunst. Deswegen nehmen sich die 58,4 Millionen Dollar für einen unhandlichen Blechhund geradezu kleinlich aus gegen die 142,4 Millionen Dollar, die am gleichen Abend das Triptychon „Three Studies of Lucian Freud“ des verstorbenen Malers Francis Bacon einbrachte.

          Das Auktionshaus hatte auf neunzig Millionen Dollar gehofft, und es ist ein offenes Geheimnis, dass Galeristen bei Auktionen ihrer Künstler mitbieten oder mitbieten lassen, um Abstürze zu verhindern, und so ihre Rekordmeldungen letztendlich selbst produzieren. Die Schlacht in New York ist damit aber nicht zu erklären. Larry Gagosian, der im Auftrag eines Kunden mitbot, stieg erst bei 101 Millionen Dollar aus, Hong Gyu Shin, Leiter der Shin Gallery in Manhattan, der angeblich auf eigene Rechnung antrat, verließ den Kampf nur wenig früher.

          Zur Freude des Geldadels

          Dass ein paar Galeristen sich in New York im Auftrag unbekannter Bieter solange mit Millionenbündeln beworfen haben, bis man fünfzig Millionen Dollar über dem Wunschergebnis lag, zeigt vor allem, dass das Kaufen von Kunst zu einem neuen Herrscherritual geworden ist: Der letzte Preisrekord für einen Bacon wurde 2008 im Dienst des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch aufgestellt, der damals 86,2 Millionen Dollar ausgab.

          Die Bieterschlachten werden fast ausschließlich von einer neuen Finanzaristokratie betrieben, die mit sportlichem Ehrgeiz und zum Zeichen absoluter Souveränität das rare kulturelle Gut gewissermaßen als Krönung ihres ökonomischen Siegeszuges an sich bringt. Im Ritual der Bieterschlacht zeigt man, dass Geld nicht die geringste Rolle spielt – so gesehen ist es vielleicht kein Zufall, dass die Kunstmarktrhetorik ihre Metaphern im Feld von Motorsport und Adel („vom Thron gestoßen“) findet.

          So bald wird der „Balloon Dog“ wohl nicht mehr zu sehen sein. Jedenfalls nicht, wenn sein Besitzer es verhindert
          So bald wird der „Balloon Dog“ wohl nicht mehr zu sehen sein. Jedenfalls nicht, wenn sein Besitzer es verhindert : Bild: AFP

          Die Verlierer, schrieb der New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz, seien die öffentlichen Museen, die bei diesen Überbietungsexzessen auf verlorenem Posten stünden. Das nun so energisch beklagte Monster des entfesselten Kunstmarkts, das den Museen und damit der öffentlichen Sichtbarkeit die besten Werke auf Nimmerwiedersehen vor der Nase wegfresse, haben diese allerdings eifrig mitgezüchtet. Koons’ Ballonpudel war, wie der Auktionskatalog stolz erläutert, nicht nur durch alle für die Aufladung mit Hochkulturwürden relevanten Schleusen der Museumswelt (Metropolitan, Venedig) gezerrt, sondern auch in Versailles ausgestellt worden, wo sich die Welt des Sonnenkönigs in ihm spiegelte – wie überhaupt die mit hohem Kostenaufwand hergestellten Riesennachbildung des populären Billigplastikschrotts strukturell an den Hameau erinnert, jenes nachgebildete Bauerndorf im Park von Versailles, in dem Marie Antoinette kurz vor 1789 das Leben des einfachen Volks in sorgenfreier Luxusversion nachspielte: für den Adel das Gleiche in sauber, glänzender, größer.

          Die Museen haben es in der Hand

          Koons’ Sammler wie der Luxusprodukteherstellers François Pinault, der zyprische Industrielle Dakis Joannou und diverse Oligarchen der osteuropäischen Medien- und Schwerindustrie schätzen ganz offenbar eine Kunst, die glitzert und saftig ins Auge haut und den Sammler nicht mit übermäßig sperriger Nachdenkästhetik belästigt. Koons’ Werk entspricht dem Selbst darstellungsbedürfnis eines neuen Sammlermilieus perfekt: Es glänzt, es ist larger than life und unfassbar teuer, es ist, was für Ludwig XV. die diamantbesetzte Krone war. Es steht im Mittelpunkt eines Oligarchenkunstsystems, das die Museumswelt, die bisher andere Bewertungskriterien hatte, gleich mitkauft, wenn etwa Koons die Privatsammlung seines Förderers Dakis Joannou im New Museum kuratieren darf, das diesen Privatinteressen bereitwillig seine Hallen überließ.

          Erschreckender als die Preise, die nun mit eigenartigen Angemessenheitsargumenten kritisiert werden, ist diese Kapitulation der Institution Museum, in der einmal jenseits von finanziellen und repräsentativen Interessen Einzelner diskutiert werden sollte, welche Kunst eine Gesellschaft als wichtig erachtet. Was die Auktionsrekorde zeigen, ist vor allem eins: Im Gegensatz zur Literaturwelt oder Musikindustrie, wo kommerzieller Erfolg immer bedeutet, dass sehr viele Menschen ein Produkt kaufen müssen, reichen im Kunstbetrieb ein Kurator und eine Bieterschlacht zwischen drei solventen Sammlern, die ihren Geschmack und ihre Kollektionen auch in den öffentlichen Häusern wertsteigernd durchzusetzen wissen.

          Und wenn die einfach nicht mitmachen würden? Ohne die kulturelle Hochglanzverchromung durch Schirn, Liebieghaus, Metropolitan und Versailles wäre der Hund am Ende nur ein großes Metallding mit viel Luft drin.

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