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Jeff Koons und die Folgen : Das Geld muss halt irgendwohin

Die Bieterschlachten werden fast ausschließlich von einer neuen Finanzaristokratie betrieben, die mit sportlichem Ehrgeiz und zum Zeichen absoluter Souveränität das rare kulturelle Gut gewissermaßen als Krönung ihres ökonomischen Siegeszuges an sich bringt. Im Ritual der Bieterschlacht zeigt man, dass Geld nicht die geringste Rolle spielt – so gesehen ist es vielleicht kein Zufall, dass die Kunstmarktrhetorik ihre Metaphern im Feld von Motorsport und Adel („vom Thron gestoßen“) findet.

So bald wird der „Balloon Dog“ wohl nicht mehr zu sehen sein. Jedenfalls nicht, wenn sein Besitzer es verhindert
So bald wird der „Balloon Dog“ wohl nicht mehr zu sehen sein. Jedenfalls nicht, wenn sein Besitzer es verhindert : Bild: AFP

Die Verlierer, schrieb der New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz, seien die öffentlichen Museen, die bei diesen Überbietungsexzessen auf verlorenem Posten stünden. Das nun so energisch beklagte Monster des entfesselten Kunstmarkts, das den Museen und damit der öffentlichen Sichtbarkeit die besten Werke auf Nimmerwiedersehen vor der Nase wegfresse, haben diese allerdings eifrig mitgezüchtet. Koons’ Ballonpudel war, wie der Auktionskatalog stolz erläutert, nicht nur durch alle für die Aufladung mit Hochkulturwürden relevanten Schleusen der Museumswelt (Metropolitan, Venedig) gezerrt, sondern auch in Versailles ausgestellt worden, wo sich die Welt des Sonnenkönigs in ihm spiegelte – wie überhaupt die mit hohem Kostenaufwand hergestellten Riesennachbildung des populären Billigplastikschrotts strukturell an den Hameau erinnert, jenes nachgebildete Bauerndorf im Park von Versailles, in dem Marie Antoinette kurz vor 1789 das Leben des einfachen Volks in sorgenfreier Luxusversion nachspielte: für den Adel das Gleiche in sauber, glänzender, größer.

Die Museen haben es in der Hand

Koons’ Sammler wie der Luxusprodukteherstellers François Pinault, der zyprische Industrielle Dakis Joannou und diverse Oligarchen der osteuropäischen Medien- und Schwerindustrie schätzen ganz offenbar eine Kunst, die glitzert und saftig ins Auge haut und den Sammler nicht mit übermäßig sperriger Nachdenkästhetik belästigt. Koons’ Werk entspricht dem Selbst darstellungsbedürfnis eines neuen Sammlermilieus perfekt: Es glänzt, es ist larger than life und unfassbar teuer, es ist, was für Ludwig XV. die diamantbesetzte Krone war. Es steht im Mittelpunkt eines Oligarchenkunstsystems, das die Museumswelt, die bisher andere Bewertungskriterien hatte, gleich mitkauft, wenn etwa Koons die Privatsammlung seines Förderers Dakis Joannou im New Museum kuratieren darf, das diesen Privatinteressen bereitwillig seine Hallen überließ.

Erschreckender als die Preise, die nun mit eigenartigen Angemessenheitsargumenten kritisiert werden, ist diese Kapitulation der Institution Museum, in der einmal jenseits von finanziellen und repräsentativen Interessen Einzelner diskutiert werden sollte, welche Kunst eine Gesellschaft als wichtig erachtet. Was die Auktionsrekorde zeigen, ist vor allem eins: Im Gegensatz zur Literaturwelt oder Musikindustrie, wo kommerzieller Erfolg immer bedeutet, dass sehr viele Menschen ein Produkt kaufen müssen, reichen im Kunstbetrieb ein Kurator und eine Bieterschlacht zwischen drei solventen Sammlern, die ihren Geschmack und ihre Kollektionen auch in den öffentlichen Häusern wertsteigernd durchzusetzen wissen.

Und wenn die einfach nicht mitmachen würden? Ohne die kulturelle Hochglanzverchromung durch Schirn, Liebieghaus, Metropolitan und Versailles wäre der Hund am Ende nur ein großes Metallding mit viel Luft drin.

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