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Jean Améry : 1978 – das Jahr der Verluste

In den sechziger Jahren war er das moralische Gewissen der Bundesrepublik. Berühmt machte ihn sein Selbstmordbericht „Hand an sich legen“. Dreißig Jahre nach seinem Tod entdeckt Europa Jean Améry, den die „Bild“ einst einen „Selbstmorddichter“ nannte, neu.

          Er ist im Oktober geboren – am 31. in Wien –, und er ist im Oktober gestorben. So, wie es in seinem eigenen Buche steht: „Er isst noch zu Abend, eh er die gehorteten Tabletten nimmt. Er gibt der tumben biologischen Triebkraft, was sie fordert. Droben aber, im Hotelzimmer, wo auf seinem Tisch die Abschiedsbriefe liegen samt dem Geld für die Hotelrechnung, neigt er sich hin und lässt sich nicht mehr treiben.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          In „Hand an sich legen“ hat Jean Améry die Szene eines – seines – angekündigten Suizids beschrieben. Nach verschiedenen Verschiebungen und Versuchen war es am 17. Oktober 1978 so weit. In einem Brief entschuldigt er sich bei der Leitung des „Österreichischen Hofs“ in Salzburg über die Unannehmlichkeiten, die er dem Hause bereite. Das Geld für die Zimmerrechnung liegt in bar auf dem Tisch. Für die Polizei hält Améry handschriftlich fest, dass er freiwillig und bei bester geistiger Gesundheit seinem Leben ein Ende bereite.

          In Österreich nicht leben können

          In Briefen nimmt er von seiner Frau, vom Verleger Michael Klett („I was a bad investment“, entschuldigt er sich bei ihm), von seinem Lektor Hubert Arbogast und vom Schriftsteller Helmut Heißenbüttel, seinem Freund, Abschied. Thomas Bernhard äußert sich voller Entzücken über den Tod in Salzburg, weil er seine These bestätigt, dass man in Österreich nicht leben kann. Zum Sterben aber hatte es den seit dem Ende des Kriegs in Brüssel lebenden, als Schriftsteller gescheiterten Essayisten unwiderstehlich in die Heimat gezogen.

          In den sechziger Jahren war Jean Améry mit seinen Schriften über Schuld und Sühne nach 1945, über das Altern, die Erfahrung der Folter und das Sterben von eigener Hand zur intellektuellen Instanz und zum moralischen Gewissen der Bundesrepublik geworden. Seinen ersten Aufsatz über sein persönliches Schicksal im Dritten Reich schrieb er 1964 im Zusammenhang mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Nur zögerlich hatte er sein Schweigen gebrochen. Er erinnert daran im Vorwort zu seinem Essay „Jenseits von Schuld und Sühne“. Ursprünglich habe er sich nur mit einem „Sonderproblem“ befassen wollen: „Die Situation des Intellektuellen in Auschwitz“.

          Vor allem das im „Merkur“ vorabgedruckte Kapitel über die Folter erschüttert und prägt die Zeitgenossen. Ingeborg Bachmann machte daraus ihre Erzählung „Drei Wege zum See“. Sogar Adorno hatte „Die Tortur“ noch wahrgenommen. Er widmete ihr seine Vorlesung vom 15. Juli 1965 über „Metaphysik und Tod nach Auschwitz“ und schrieb in einem Brief an Ernst Fischer: „Ich war tief beeindruckt von seinem Aufsatz über die Tortur.“ Doch davon hat Améry nie etwas erfahren. „Seine Name wurde aus der später gedruckten Fassung der ‚Meditationen zur Metaphysik‘ getilgt“, schreibt die Biographin Irene Heidelberger-Leonard.

          Der abgelehnte Literat

          Als Moralist und Theoretiker wird Jean Améry verehrt. Doch seine literarischen Versuche – Améry nannte sie „Romanessays“ – stießen auf schroffe Ablehnung. An ihnen hatte ihm mehr gelegen als an seinen Essays, die Literatur war seine ganz persönliche Bewährungsprobe für das Leben. Das Lob der Freunde machte alles nur noch schlimmer. „Die Erde wird ihn haben, nur anders, als der Dichter es meinte“, liest man im Entwurf des Suizids im Hotel.

          Als es so weit war, brachte nur „Bild“ die Geschichte unfreiwillig auf den Punkt: „Selbstmorddichter“. Der Grabstein auf dem Wiener Zentralfriedhof vermerkt die Zahl 17 23 64, die Auschwitzer Häftlingsnummer. Kurz vor seinem Freitod war „Jenseits von Schuld und Sühne“ neu aufgelegt worden. In einem neuen Vorwort zog der Autor eine politische Bilanz der Rezeption: „Es waren keine guten Jahre.“

          Irritation über das bewunderte Frankreich

          1978 erwies sich im Nachhinein als Jahr der Verluste und der epochalen Umwälzungen. Frankreichs Intellektuelle brachen mit dem Marxismus und verhinderten mit ihrer Wende den von allen Meinungsumfragen prophezeiten Sieg der Sozialisten und Kommunisten. Als Instrument für den Kampf gegen die Volksfront gründete Raymond Aron die Zeitschrift „Commentaire“. Serge Klarsfeld veröffentlichte sein Verzeichnis der 120.000 deportierten Juden und François Furet „Penser la Révolution“.

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