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„Charlie“ und die Folgen : Warum ich kein Satiriker mehr bin

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Er kehrt uns den Rücken: Oliver Maria Schmitt, hier 2008 als türkischer Autor auf Verlagssuche in Frankfurt. Bild: Marcus Kaufhold

Der Berufsstand des Satirikers hat nach dem Charlie Hebdo-Attentat neue und traurige Popularität und Dynamik erreicht. Warum fühlt sich nun jeder zum Berufszynismus berufen? Eine Abdankungserklärung.

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          Die Anschläge in Paris haben mein Leben verändert. Unschuldige Satiriker haben ihr Leben verloren – klar, das ist schlimm. Wo aber Gefahr ist, da wächst das Witzelnde auch, und das kam ganz unterwartet in Form vieler neuer Spott- und Hohnfreunde. Von „Bild“ über „B. Z.“ bis „Jungle World“ und „Spiegel“ riefen alle „Je suis Charlie!“ und waren nun ebenfalls Satiriker.

          So viele neue Kollegen hatte ich noch nie, das hat mich sehr berührt. Ich war sehr stolz darauf, ebenfalls Satiriker zu sein und zu diesem plötzlich sehr hochangesehenen Berufsstand zu gehören. Weil ich als Berufszyniker mit meinem Leben für nihilistische Überzeugungen einstand, weil ich tagaus, tagein meine Finger in anderer Leute Wunden legte, ihnen einen Spiegel vorhielt, alles Schöne und Gute verächtlich machte, verhohnepiepelte und verzerrte, weil ich verletzte, verlachte und in den Dreck zog –  für diese Heldenhaftigkeit würde man mir nun Lorbeerkränze winden und rote Teppiche ausrollen. Dachte ich. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis man uns tapferen Witzemachern in der Straßenbahn einen freien Sitzplatz anbieten, uns am Obstregal im Supermarkt aufmunternd auf die Schulter klopfen und uns in dunklen Parkhäusern hell erleuchtete Satirikerparkplätze zuweisen würde. Langes Warten beim Arzt oder beim Helene-Fischer-Kartenvorverkauf würde endlich passé sein, ein kurzer, schneidiger Ruf genügen: „Lassen Sie mich durch, ich bin Satiriker!“

          Nach Anschlägen in Paris : Karikaturisten pochen auf Meinungsfreiheit

          Gute Gründe gegen Satire

          Mein neuer Kollege, „Bild“-Chef Kai Diekmann, sprang mir bei. Nach gelungener Rasur war er kaum wiederzuerkennen, mitreißend formulierte er unseren Kampfauftrag. Das fiel ihm natürlich leicht, gerade als Schriftleiter einer Zeitung, die schon immer das schrieb, was sie wollte, wonach ihr der Sinn stand: „Ihre Gewalt, ihr erbarmungsloser Hass richtet sich gegen die Freiheiten, die unsere Gesellschaften ausmachen: die Freiheit der Presse, die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Künste.“ Und nicht zuletzt gehe es darum, „furchtlos so zu leben, wie wir leben. Schreiben, was wir schreiben wollen. Zeichnen, malen, dichten, aussprechen, wonach uns der Sinn steht.“ Singen, tanzen, fröhlich sein und manchmal sogar einen lustigen Talibanbart tragen, das ist die Welt, die für die sich zu kämpfen lohnt. 

          Da fehlte jetzt nur noch die große „Wir sind Charlie“-Solidaritätsgala im ZDF, mit Johannes „B.“ Kerner und allen deutschen Mediengrößen von Giovanni di Lorenzo bis Mathias Döpfner. Ein Blick ins Programmheft ließ mich erschaudern: Diese Gala gab es ja tatsächlich schon! „Das große Fest der Besten“ auf der ARD! „Präsentiert von Florian Silbereisen. Mit Michelle, Helene Fischer und vielen Stars der Volksmusik.“ Na, egal, die machen eh auch bald mit, es läuft ja eigentlich alles rund und perfekt. Zum Glück berichtete kaum einer, was der Spielverderber und „Charlie Hebdo“-Zeichner Renald Luzier, der das Attentat knapp überlebte, gerade gesagt hatte: „Man hat’s nicht leicht, wenn man von solchen Idioten unterstützt wird wie Angela Merkel“.

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