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„Charlie“ und die Folgen : Warum ich kein Satiriker mehr bin

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Ja, es läuft so perfekt, dass die Satire mich gar nicht mehr braucht. Sind doch genug neue Kollegen da! Und hatte nicht auch schon Robert Gernhardt zu Lebzeiten der Satire abgeschworen? Im Nachwort seiner 1984 erschienenen Satirensammlung „Letzte Ölung“ zog er ein bedrückendes Fazit seiner jahrzehntelangen Spaßmachertätigkeit. „Warum ich nicht gern Satiriker bin und mich nur ungern als solchen bezeichnet sehe“, hieß der Aufsatz, der die Unterzeile trug: „Keine Satire“. Darin legte Gernhardt gleich sieben gute Gründe gegen sein eigenes Handwerk vor, nämlich „die toten Satiriker“ (spätestens seit Tucholsky sind nur tote Satiriker gut), „die lebenden Satiriker“ („die erträglicheren sind verhinderte Künstler, die noch erträglicheren verhinderte Lehrer, die unerträglichen verhinderte Heilige“), „die Leser der Satire“ („Schon mal was von uneigentlichem Sprechen, von Ironie oder gar Parodie gehört?“), „die Anlässe der Satire“ (immer wieder die gleichen), „die Mittel der Satire“ (dito), „die Folgen der Satire“ (keine) und zu schlechter Letzt „die Satire als solche“. Was Gernhardt zu dem selbst ihn überraschenden Schluss bringt: „Wahrscheinlich ließe sich noch viel gegen die Satire sagen. All das verblasst jedoch vor der Tatsache, dass zumindest unsere Kultur längst verrottet oder zerplatzt wäre, hätte sie nicht früh schon die Möglichkeit satirischen Sprechens entwickelt und – mit Unterbrechungen – immer wieder gestattet.“

Lauter Schenkelklopfer

Da hatte er recht, der gute Tote. Vor allem mit den Lesern der Satire. Denen kann man ja praktisch nie was recht machen. Nimmt man mal den Dalai Lama aufs Korn, lautet postwendend die Beschwerde: Ihr Feiglinge, beim armen Dalai Lama traut ihr euch, aber mit dem Papst würdet ihr so was nie machen! Wendet man sich dann dem Stellvertreter Gottes auf Erden zu und zeigt anhand einer befleckten Soutane die undichten Stellen im Vatikan, heißt es sofort: Ihr Flaschen, gegen die katholische Kirche spielt ihr euch auf, aber gegen den Islam, da zieht ihr den Schwanz ein! Zuletzt punktete mit einer solchen Haltung die CDU-Satire- und Vertriebenenexpertin Erika Steinbach, als sie kurz nach den Pariser Anschlägen gute Ratschläge an Satiriker twitterte: „Nur kath. Kirche kritisieren, sonst lebensgefährlich ;-)“ Es war vor allem der finale Zwinker-Smiley, der ihr nach dem Gezwitscher einen veritablen Shitstorm und eine Anzeige eines aufgebrachten Bürgers einbrachte. Und die Islamwitze, von denen der Scheinkabarettist Dieter Nuhr vermutet, dass man sie in Deutschland nicht machen könne, die habe ich auch längst gemacht. Dafür gab es übrigens keinen Beifall, nur einen namentlichen Eintrag auf einer islamistischen Seite.

Doch nun, da endlich alle Satiriker sind, da ist meine Mitarbeit wirklich nicht mehr nötig. Die allfällige Kritik mit komischen Mitteln besorgen die Betroffenen doch sogar schon selbst! Und wie! Da ist der Bettelpapst in Rom, der in einer Ansprache vor seiner eigenen Kurie gegen deren „mentale Erstarrung“, gegen die „Krankheit der Rivalität und Eitelkeit“ und „spirituelles Alzheimer“ stichelt. Da sind die lustigen Verschwörungstheoretiker, die schon Stunden nach den Pariser Anschlägen beweisen konnten, dass der Mossad dahintersteckte. Da ist der AfD-Politiker Jörn Kruse, der öffentlich über den Attentatszeitpunkt scherzte: „Leider ist es viel früher passiert, als ich gehofft habe.“ Da demonstrieren in Paris die Führer der Welt, säuberlich vom Volk separiert, in einer abgeschotteten Seitenstraße für Friede, Freude, Eierkuchen und die Freiheit der Presse, während einige dieser Spaßvögel in ihren Heimatländern Journalisten auspeitschen, foltern und wegsperren lassen. Da steht Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor und demonstriert für die Pressefreiheit, während ihr schon der leibhaftige Schalk Seehofer im Nacken sitzt und höhere Strafen für Blasphemie fordert. Wenn das keine Schenkelklopfer sind! 

Und dass der Pegida-Erfinder Lutz Bachmann, der sich sofort mit „Charlie Hebdo“ solidarisierte und in Strafsachen bestens bewandert ist (Körperverletzung, Einbruch, Diebstahl), dass dieser Demokrat gerade mitteilte, er wolle die „Titanic“ wegen eines ihm in den Mund gelegten Kommentars verklagen („Mit Satire hat dies nix mehr zu tun!“) – das alles ist doch absolut wunderbar! So etwas könnte sich ein Satiriker niemals ausdenken.

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