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Jaroslav Hašek : Zum Schweijk

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Der tschechische Ort Lipnitz an der Sasau hat auf den ersten Blick nicht viel zu bieten. Wäre da nicht die Landkneipe „Zur tschechischen Krone“ , in der sich der Schriftsteller Jaroslav Hašek ( „Der brave Soldat Schwejk“ ) einst zu Tode trank.

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          Lipnitz an der Sasau gehört nicht zu den bedeutenden Orten der Weltliteratur und wohl nicht einmal zu den unbedeutenden. Das Kleinststädtchen im Hügelland nördlich von Iglau ist am ehesten in Tschechien bekannt, wo es korrekterweise Lipnice nad Sázavou heißt und außer einer altneugotischen Burg das Grab eines der bedeutendsten Autoren des vergangenen Jahrhunderts zu den Sehenswürdigkeiten zählt.

          Jaroslav Hašek ist recht eigentlich nach Lipnice zum Sterben gekommen. Da war er noch nicht vierzig Jahre alt. Im Jahr 1921 hatte sich seine im Ersten Weltkrieg eingefangene Tuberkulose im Gleichschritt mit dem Alkoholismus derart verschlimmert, dass Hašek auf das Schreiben, auf die Prager Boheme und selbst auf seine wundervolle „Partei des maßvollen Fortschritts im Rahmen der bestehenden Gesetze“ keine Lust mehr hatte. Deren feuchtfröhliche Sitzungen, bei denen alle Formen von Happenings und Politsatire der Moderne durchprobiert wurden, hatten den Autor ebenso geschwächt wie die Niederschrift seines genialen Kriegsromans über den „braven Soldaten Schwejk“.

          In seiner „pívnice“ fühlte sich Hašek richtig aufgehoben

          Hašek hatte es mit Bigamie (eine Frau in Tschechien, eine in Russland) versucht, hatte als Autor von erfundenen Tiergeschichten über allzeit besoffene Papageien und slowakische Werwölfe eine respektable Biologiezeitschrift ruiniert – nun wollte er wohl einfach für das bisschen Zeit, das ihm noch blieb, seine Ruhe. Die fand er notabene in Lipnice als Pächter der Landkneipe „U ceské koruny“ (Zur tschechischen Krone). Ein Genie der Weltliteratur als Bierzapfer – das ist so recht eine Geschichte für die Tschechen. In seiner „pívnice“, so schrieb Hašek am Ende, sei er richtig aufgehoben. Hier trank er sich in den Tod, während gleichzeitig sein Jahrgangs- und Autorenkollege Franz Kafka in der Lungensterbeklinik zu Kierling am Wienerwald mit Gesundkost ebenso wenig gegen den Tuberkel ausrichten konnte. Unnötig zu erwähnen, dass die beiden Prager Genies sich nie anfreundeten.

          Die „Tschechische Krone“ floriert heute noch, und sie ist genau, wie eine böhmische Bierstube zu sein hat: Zu deftigem Braten und Knödeln gibt es Frischgezapftes in großen Gläsern, die von der Bedienung sorgsam auf porzellanene Unterteller gestellt werden. Ein paar Schritte weiter liegt der Friedhof, wo der Priester im Jahr 1923 den Ketzer Hašek nur neben einem Selbstmörder an den äußersten Rand betten wollte. Lipnice hat jetzt eine Gedenkstube für den großen Dahingeschiedenen und sogar zwei Denkmäler. Auf dem ersten sieht der Schriftsteller mit untypisch schlanken Wangen ein wenig aus wie Karel Gott. Eine große Liegefigur wirkt, als hätte Henry Moore sich an Juri Gagarin versucht. Welch verdientes Idyll für diesen großen Mann!

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