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Japans Umweltaktivisten : Beim nächsten Beben wird alles anders

  • -Aktualisiert am
Satellitenfoto von Montag, 14. März, nach der zweiten Explosion in Fukushima, dieses Mal im Reaktor III

Satellitenfoto von Montag, 14. März, nach der zweiten Explosion in Fukushima, dieses Mal im Reaktor III Bild: dpa

Dass Japan im Umweltschutz Avantgarde war, aber bisher keine breite Bewegung gegen die Atomkraft hervorgebracht hat, scheint ein Rätsel. Die japanische Umweltbewegung folgte von Anfang an anderen Zielen.

          6 Min.

          Als ich vor zwei Jahren in Kyoto war, fand ich auf meinem Hotelzimmer ein Merkblatt mit der Überschrift: „When an earthquake comes, what will you do?“ Tja, was tun, im achten Stock? Als Historiker überraschte mich am meisten der Anfang, der von einem seismologischen Geschichtsbewusstsein zeugte: „Der 1. September ist der Tag der Katastrophen-Prävention. An diesem Tag ereignete sich das große Erdbeben in der Kanto-Region vom 1. September 1923.“

          Und mit brutaler Offenheit folgte der Hinweis, es sei ein neues großes Erdbeben in dieser Region „zwischen dem Anfang und der Mitte des 21. Jahrhunderts zu erwarten“. Ich fragte einen japanischen Kollegen, ob das Hotel erdbebensicher sei. Der erwiderte, nach jedem zerstörerischen Beben werde versichert, jetzt wisse man besser Bescheid als früher. Diese Zuversicht dauere bis zum nächsten großen Beben.

          Bei Erkundungen in Tokio erlebte ich eine Überraschung anderer Art. Nur rein zufällig fand ich ein Mahnmal, das an Hiroshima erinnert, klein, unscheinbar und halb versteckt am Rand des Ueno-Parks im Norden der Stadt, nicht einmal auf dem Plan des Stadtviertels verzeichnet. Dort war ich allein. Die Erinnerungskultur, die sich im japanischen Alltag um Hiroshima rankt, nimmt ungleich weniger Raum ein, als das Gedenken an das Kanto-Erdbeben, bei dem an die 150.000 Menschen umgekommen sein sollen – auch wenn es zum Curriculum der Schulen gehört, dass jeder Schüler einmal das Mahnmal in Hiroshima besucht.

          11. November 2010: Mahnmal aus Kerzen vor dem Atomic Bomb Dome in Hiroshima
          11. November 2010: Mahnmal aus Kerzen vor dem Atomic Bomb Dome in Hiroshima : Bild: REUTERS

          Der Triumph des Stahlbetons

          Der Atombombenabwurf war eine tiefe Verwundung des japanischen Selbstwertgefühls; die Kanto-Katastrophe dagegen war Auftakt einer Erfolgsgeschichte, einer Geschichte des bahnbrechenden Fortschritts in der Seismologie und Erdbebenprävention.

          Die Art der Prävention wandelte sich jedoch im Zuge der Zeit radikal. Nach dem Nobi-Erdbeben von 1891 kursierte in Japan ein Holzschnitt, der zeigte, wie die modernen noch unbewehrten Betonbauten kollabiert waren, während darüber die hölzerne Pagode unversehrt stand; diese Erfahrung verschaffte dem traditionellen japanischen Holzbau eine letzte Renaissance. Zur Ikone des Kanto-Bebens von 1923 dagegen wurde das in der Nähe des Kaiserpalastes von Frank Lloyd Wright erbaute Hotel Imperial, das dem Beben getrotzt hatte.

          Ein Regierungsbeamter sandte Wright ein Glückwunschtelegramm: „Hotel stands undamaged as monument of your genius.“ Von nun an profilierte sich Japan mit Stahlbeton als „Erdbeben-Nation“ – so der Titel eines Buches von Gregory Clancey (2006) – , die in solchen Naturkatastrophen die Nerven behält und ihnen mit Energie und Kompetenz begegnet. Und in der Tat, ein größerer Kontrast wie der zwischen der Hilflosigkeit auf Haiti und der japanischen Tatkraft im Anblick der Katastrophe ist kaum vorstellbar. Nur gibt es auf Haiti keine Kernkraftwerke.

          Die vier Typen der antinuklearen Bewegung

          Als Petra Kelly 1976 Japan bereiste, auf dem Höhepunkt des bundesdeutschen Atomkonflikts, geriet sie über die dortige Gleichgültigkeit gegenüber dem nuklearen Risiko aus der Fassung. Diese Gleichgültigkeit hat sich seit der Kette von schweren nuklearen Störfällen, die 1995 einsetzte, bis zu einem gewissen Grade verändert. Heute unterscheidet die amerikanische Geographin Nathalie Cavasin vier Typen von antinuklearen Bewegungen: Protest von Ortsansässigen (oft Bauern und Fischern), Gruppen innerhalb politischer Parteien, Frauen – vor allem Mütter – in Großstädten und Angehörige professioneller Eliten wie Rechtsanwälte und Universitätsprofessoren.

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