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Japanische Architektur als Vorbild : Der Fluch des Eigenheims

Die Affäre Wulff zeigt, wie der Traum vom Einfamilienhaus zum Albtraum werden kann. Aber was wäre die Alternative? Wie könnten wir leben? Die Architektur Japans weist einen Weg.

          7 Min.

          Unter den vielen Katastrophenbildern des Jahres gab es eins, das man fast übersehen hätte - weil es aussah wie das Bild eines Idylls: Christian Wulff steht im Garten seines fremdfinanzierten Einfamilienhauses bei Hannover vor einem penibel frisierten Buchsbaum, er hält etwas Duschkopfartiges in der Hand, mit dem er offenbar den Rasen sprengt. Die Botschaft war klar: Hallo, sagt der Mann auf diesem Bild, ich bin einer wie ihr, ich entspanne mich in meinem schönen Garten! Schon ohne die Kreditaffäre wäre es einem unbehaglich geworden bei diesem Foto. Der Mann ist schließlich gewählt, um sich um die sogenannte Res publica zu kümmern, nicht dazu, vor aller Augen seine Begonien zu gießen. Wer als Politiker heute glaubt, noch Zeit für seinen Garten zu haben, ist vielleicht auf dem falschen Posten, dachte man, als man das Foto sah, das auch eine Antwort auf die Frage nahezulegen schien, wo Wulff im Geiste war, als die Bankenkrise und die Arabellion stattfanden: daheim, hinterm Gartenzaun.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Foto vom Präsidenten vor dem überteuerten Eigenheim ist das Bild einer Katastrophe, die sich millionenmal wiederholt: Ein Mann steht vor einem Haus, das er sich nicht leisten kann; ein Mann verschuldet sich für eine Idee von Idyll, die ihn in den Abgrund reißt, weil er die Warnung des einst ebenfalls in Niedersachsen hausenden Arno Schmidt nicht beachtete, der einmal schrieb, er wolle bloß „ein winziges Häuschen in der Heide (achttausend höchstens, nicht wie diese Bausparkassen, die mit zwanzigtausend um sich werfen, als sei’s ein bloßer Silbenfall)“.

          Auffallend viele der großen aktuellen Krisen sind im Kern Immobilienkrisen. Die Wulff-Affäre handelt ebenso von jemandem, der unbedingt ein Haus haben will, das er sich nicht leisten kann, wie die amerikanische Immobilienblase, die am Anfang der globalen Bankenkrise stand. Und auch der Klimawandel wird verschärft dadurch, dass zu viele von einem Haus im Grünen träumen - von dem man dann mit einem Familienauto zur Arbeit pendeln muss, das noch mal Geld kostet und die Luft und die Ruhe zerdieselt, derentwegen man aufs Land zog. Das Ergebnis: Schulden auf dem Konto, Stress wegen des Pendlerstaus, schleichende Enttäuschung, weil, wenn Millionen aufs Land ziehen, dieses auch kein Land mehr ist, allenfalls seine suburbanisierte Schrumpfform. Wie kommt es, dass der Traum vom eigenen Haus, den es in dieser kollektiven Breitenentfaltung ja erst seit 1945 gibt, immer noch ungebrochen ist - obwohl ihn die wenigsten finanzieren können? Warum benehmen sich Millionen von Menschen, als sei es eine anthropologische Notwendigkeit, dass man, wenn man Kinder bekommt, sich sofort bis über beide Ohren verschulden muss, um ein mindestens hundertfünfzig Quadratmeter großes Haus mit Keller und Doppelcarport zu beziehen?

          Die Antwort ist einfach: weil es keine Alternativen zu geben scheint. Wenn es um den passenden architektonischen Rahmen für unser Privatleben ging, waren die Wahlmöglichkeiten bisher deprimierend gering: Entweder eine - je nach finanzieller Situation - kleine oder große Wohnung oder ein - je nach finanzieller Situation - kleines oder großes Haus, und die bauliche Form erzwang dabei fast den Lebensentwurf: Vater, Mutter, Kind, Haustier, Großraumlimousine im Carport. Schon auf die Frage, wie mit pflegebedürftigen Eltern, mit Geschwistern oder Freunden mit Kindern zu wohnen wäre, halten diese Bauformen keine Antwort bereit - weil der Lebensentwurf, um den herum sie entworfen wurden, solche Konstellationen nicht vorsieht.

          Die Lebensplanungen ändern sich, die sozialen Rituale, die ökonomischen Bedingungen ändern sich - nur die architektonische Hülle bleibt. Nicht nur Wulff ist Opfer dieser Diskrepanz geworden. Dass keine Alternativen in Sicht scheinen, hat seine Gründe auch in den kommerziellen Interessen einer Bauindustrie, die gut an den Einfamilienhauswürfeln auf der Wiese und den deprimierenden Apartmentriegeln in der Stadt verdient und nichts mehr fürchtet als die Frage: Wie könnten wir noch wohnen?

          Ein paar Antworten auf diese Frage stehen in Tokio: Eine davon ist das Moriyama House, mit dem der Architekt Ryue Nishisawa, der zusammen mit Kazuyo Sejima das Architekturbüro Sanaa leitet, den Grundtyp einer Reihe neuer Wohnbauten entwarf, die zurzeit im Bau oder gerade fertiggestellt sind. Dieses sogenannte Moriyama House ist vielleicht das wichtigste Haus unserer Zeit - auch, weil es kein Haus ist. Weil es eine Art Denkgebäude ist, das die Begriffe, mit denen wir das Öffentliche und das Private, das Innen und das Außen und die Idee einer Gemeinschaft definieren, auf eine folgenreiche Weise auseinandernimmt. Weil es das Denken verändert.

          Der Bauherr dieses Hauses ist ein Mann, der eigentlich nur seine Ruhe haben wollte. Herr Moriyama verkaufte seine Schanklizenz, um auf einem - für Tokioter Verhältnisse recht großen - Grundstück ein Wohnhaus zu bauen, in dem er unbehelligt Musik hören und Ausstellungskataloge lesen könnte. Er hat das Gegenteil bekommen. Nishizawa baute ihm eine Miniaturstadt aus zehn jeweils ein- bis dreigeschossigen Wohnkuben, die eher an frei stehende Zimmer erinnern. Den größten bewohnt Moriyama selbst, die anderen vermietet er.

          Als ich Moriyama besuchte, saß er mit einem Freund vor seiner Box; einer der Mieter, ein junger Architekt, Jack Hogan, saß auf dem Dach seiner Box, auf das eine kleine Leiter führt, und frühstückte in der Morgensonne, irgendwo wehten ein paar Blüten ins Bild. Die Korridore zwischen den Minihäusern haben kein Dach, sondern sind eine Art labyrinthischer Garten; zwischen den Boxen wachsen Bäume. Hogan zahlt 800 Dollar für ein suitengroßes Minihaus mit Dachterrasse mitten in Tokio - dafür bekommt man dort sonst kaum ein dunkles Zimmer. Was war das hier? Eine neuartige Wohnlandschaft, ein Bühnenbild, ein Haus, dessen Flure nicht überdacht sind? Oder eine kleine Stadt mit nur zimmergroßen Häusern?

          Ich saß, zum ersten Mal, in einer Wohngemeinschaft, einer Kommune, die funktionierte - weil sie nicht in die falsche architektonische Form gezwungen war. Es war schlagartig klar, dass das Problem der meisten Kommunen und WGs neben dem ideologischen Überbau die Architektur ist. Wenn man zehn Menschen in einer ehemals repräsentativen, aber um einen kleinfamiliären Lebensentwurf herum konzipierten Wohnung mit nur einer Küche und einer Toilette zusammenpfercht, entsteht zwangsläufig eine massiv klaustrophobische Grundstimmung, divergente Hygienevorstellungen kollidieren. Im Moriyama House ist das anders. Hier wohnen jenseits eines Familienverbandes unterschiedlichste Menschen auf engstem Raum zusammen - aber, anders als in einer WG, ohne sich auf die Nerven zu gehen, weil dieses Patchwork aus Freunden und disparaten Menschen eben nicht in eine Altbauwohnung mit nur einer Küche gezwungen wird. Jeder hat ein Mikrohaus mit Bad und Kochplatte. Wer nicht will, nutzt den Gemeinschaftsraum nicht und verlässt die Agglomeration, ohne durch das soziale Labyrinth zu spazieren - das auch eine Wiederbelebung der verlorengegangenen japanischen Kultur des Engawa, des als Kommunikationszone genutzten Zwischenraums von innen und außen, ist.

          Neo-Kibbuz trifft auf Contemporary Design

          Natürlich hat auch das Moriyama House viele baugeschichtliche Vorbilder: in der Idee des kollektiven Lebens am Bauhaus etwa oder im japanischen Metabolismus, dessen Gebäudezellen sich dem Wandel von Biographien und sozialen Strukturen quasiorganisch anpassen sollten. Neu ist aber, wie hier eine Form von entideologisiertem Kommunitarismus zu Architektur wird - und einen Lebensentwurf vorführt, der den Zwang zum abgeschotteten Privathaus klassischer Prägung in Frage stellt. Wenn der „My home is my castle“- Traum, für den sich Ministerpräsidenten und Millionen Amerikaner in Schulden stürzten, die bauliche Manifestation eines spätkapitalistischen Defensivindividualismus ist, der sich mitsamt seinen Insassen gerade selbst zerstört hat, scheint hier eine neue Möglichkeit für das Leben nach dem Kollaps einer westlichen Wohlstandsgesellschaft auf, die hartnäckig und gegen alle ökonomische wie ökologische Vernunft von einem Grundrecht auf repräsentative Einfamilienhäuser ausging.

          Das Moriyama-Haus hat in Japan binnen kürzester Zeit nicht nur ästhetisch, sondern auch als Lebensmodell Schule gemacht. Ob das neue Haus eins des Architekten Yoshichika Takagi, das er aus Boxen direkt neben einem Parkplatz in Akita zusammengesetzt hat, oder das Hiroshima-Haus des Suppose Design Office, eine aus Wohnkuben zusammengestapelte Wohnlandschaft; ob der spektakuläre Debütbau „House of 33 Years“ der 1977 geborenen Architektin Megumi Matsubara, ob Takeshi Hosakas programmatisch so genanntes „Inside-Out-Haus“ oder das „House before House“, das der 1971 geborene Sou Fujimoto - einer der wichtigsten jungen Architekten in Japan - wie einen Felsen aus Wohnboxen zusammengetürmt hat: hier ist fast nicht mehr zu entscheiden, was „öffentlich“ und was „privat“ ist. Das Private wird nicht durch eine massive Wand von der Straße abgeschirmt, sondern permeabel, porös - und das ist auch ein soziales Versprechen. Ein moderner Kibbuz, eine von aller Klaustrophobie befreite WG, eine neue architektonische Lösung dafür, veränderten, postkleinfamiliären Lebensentwürfen eine Form zu geben.

          Es kommt nicht darauf an, den eigenen Rasen zu sprengen

          Die neue japanische Architektur ist auch ästhetisch, als Skulptur spektakulär. Wichtig ist sie aber vor allem als soziopolitisches Experiment, das zeigt, mit wie geringen finanziellen und räumlichen Ressourcen jene Privatsphäre und sogar das Heimelige geboten werden kann, für das sich die Leute bisher immer in endlose Verschuldungsschlaufen stürzten.

          Was folgt daraus? Natürlich nicht, dass jetzt alle in weiße japanische Kisten ziehen müssen; natürlich muss man das Moriyama House nicht sklavisch formal, sondern strukturell weiterdenken. Der Bausparertraum, über den Wulff stürzen könnte, ist nicht nur ein individuelles Drama: Man muss kein Apokalyptiker sein, um zu prophezeien, dass der bundesrepublikanische Reichtum, der es der Erbengeneration der Babyboomer erlaubte, sich Häuser zu bauen, in der kommenden Generation versiegt.

          Die neue japanische Architektur passt sich an unser Leben an, nicht umgekehrt. Es ist der Entwurf einer Architektur, die auch größere Freundeskreise und familienübergreifende Wohncluster, Singles und Familien, Rentner und Durchreisende beherbergen kann. Sie ermöglicht eine familiennahe Pflege älterer Menschen ebenso wie eine Anpassung an die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie überwindet die festungsartige Isolation des Privaten, ohne eine Kernzone des Intimen aufzugeben. Sie kostet weniger. Sie macht freier. Sie lenkt - insofern ist sie eine politische Architektur - den Blick auf den öffentlichen Raum. Denn auch wenn Wulff mit dem Rasensprenger die muffigste denkbare Form des berühmten „Il faut cultiver notre jardin“ vorführte, war 2011 doch das Jahr, an dem der öffentliche Platz wiederentdeckt wurde - von den Protagonisten der Arabellion auf dem Tahrir Square, von den Demonstranten der Occupy-Bewegung im Zuccotti Park. Während sich die Handlungen von Bürgern auf Plätzen in den vergangenen Jahrzehnten darauf zu beschränken schienen, in passiver Sitzhaltung vorgegebene Konsumprogramme zu erfüllen (Schuhe anprobieren, Milchkaffee bestellen, ins Kino gehen), wurde der öffentliche Platz doch wieder zum Ausgangspunkt einschneidender Politik- und Bewusstseinswandlungen.

          Was ist heute öffentlich, was privat? Die dualen Gegensatzbegriffe von innen und außen greifen kaum noch. Japans neue Architektur zeigt, was jenseits von ihnen entstehen könnte.

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