https://www.faz.net/-gqz-6wfb6

Japanische Architektur als Vorbild : Der Fluch des Eigenheims

Das Moriyama-Haus hat in Japan binnen kürzester Zeit nicht nur ästhetisch, sondern auch als Lebensmodell Schule gemacht. Ob das neue Haus eins des Architekten Yoshichika Takagi, das er aus Boxen direkt neben einem Parkplatz in Akita zusammengesetzt hat, oder das Hiroshima-Haus des Suppose Design Office, eine aus Wohnkuben zusammengestapelte Wohnlandschaft; ob der spektakuläre Debütbau „House of 33 Years“ der 1977 geborenen Architektin Megumi Matsubara, ob Takeshi Hosakas programmatisch so genanntes „Inside-Out-Haus“ oder das „House before House“, das der 1971 geborene Sou Fujimoto - einer der wichtigsten jungen Architekten in Japan - wie einen Felsen aus Wohnboxen zusammengetürmt hat: hier ist fast nicht mehr zu entscheiden, was „öffentlich“ und was „privat“ ist. Das Private wird nicht durch eine massive Wand von der Straße abgeschirmt, sondern permeabel, porös - und das ist auch ein soziales Versprechen. Ein moderner Kibbuz, eine von aller Klaustrophobie befreite WG, eine neue architektonische Lösung dafür, veränderten, postkleinfamiliären Lebensentwürfen eine Form zu geben.

Es kommt nicht darauf an, den eigenen Rasen zu sprengen

Die neue japanische Architektur ist auch ästhetisch, als Skulptur spektakulär. Wichtig ist sie aber vor allem als soziopolitisches Experiment, das zeigt, mit wie geringen finanziellen und räumlichen Ressourcen jene Privatsphäre und sogar das Heimelige geboten werden kann, für das sich die Leute bisher immer in endlose Verschuldungsschlaufen stürzten.

Was folgt daraus? Natürlich nicht, dass jetzt alle in weiße japanische Kisten ziehen müssen; natürlich muss man das Moriyama House nicht sklavisch formal, sondern strukturell weiterdenken. Der Bausparertraum, über den Wulff stürzen könnte, ist nicht nur ein individuelles Drama: Man muss kein Apokalyptiker sein, um zu prophezeien, dass der bundesrepublikanische Reichtum, der es der Erbengeneration der Babyboomer erlaubte, sich Häuser zu bauen, in der kommenden Generation versiegt.

Die neue japanische Architektur passt sich an unser Leben an, nicht umgekehrt. Es ist der Entwurf einer Architektur, die auch größere Freundeskreise und familienübergreifende Wohncluster, Singles und Familien, Rentner und Durchreisende beherbergen kann. Sie ermöglicht eine familiennahe Pflege älterer Menschen ebenso wie eine Anpassung an die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie überwindet die festungsartige Isolation des Privaten, ohne eine Kernzone des Intimen aufzugeben. Sie kostet weniger. Sie macht freier. Sie lenkt - insofern ist sie eine politische Architektur - den Blick auf den öffentlichen Raum. Denn auch wenn Wulff mit dem Rasensprenger die muffigste denkbare Form des berühmten „Il faut cultiver notre jardin“ vorführte, war 2011 doch das Jahr, an dem der öffentliche Platz wiederentdeckt wurde - von den Protagonisten der Arabellion auf dem Tahrir Square, von den Demonstranten der Occupy-Bewegung im Zuccotti Park. Während sich die Handlungen von Bürgern auf Plätzen in den vergangenen Jahrzehnten darauf zu beschränken schienen, in passiver Sitzhaltung vorgegebene Konsumprogramme zu erfüllen (Schuhe anprobieren, Milchkaffee bestellen, ins Kino gehen), wurde der öffentliche Platz doch wieder zum Ausgangspunkt einschneidender Politik- und Bewusstseinswandlungen.

Was ist heute öffentlich, was privat? Die dualen Gegensatzbegriffe von innen und außen greifen kaum noch. Japans neue Architektur zeigt, was jenseits von ihnen entstehen könnte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Debatte über Öffnungen : Merkels neue Tonlage

Wenn RKI-Präsident Wieler vom „Freitesten“ spricht, klingt das noch zurückhaltender als bei der Kanzlerin. Ihre jüngsten Äußerungen zu Lockerungen der Corona-Maßnahmen zeigen: Das Wahljahr hat begonnen.
Katja Kipping auf dem Parteitag der Linken am Freitag

Digitaler Parteitag : Kipping ruft die Linke zum Regieren im Bund auf

Die scheidende Vorsitzende Katja Kipping wirbt für das neue Führungsduo, das auf dem Parteitag gewählt werden soll. Ihre Partei ruft sie auf, Verantwortung zu übernehmen. Doch die streitet lieber über Auslandseinsätze der Bundeswehr.
Begehrter Stoff: Sputnik-Impfdosen kommen in San Marino an.

Corona in San Marino : Impfgrüße aus Moskau

San Marino hat eine der höchsten Covid-Sterbequoten weltweit. Die Regierung wollte deshalb unbedingt Impfstoff bekommen. Da die zugesagte Hilfe aus Italien ausblieb, wandte sie sich an Russland. Moskau lieferte prompt.
Über sie fand der Bayern-3-Moderator Matthias Matuschik keine guten Worte: die K-Pop-Band BTS.

Rassismus bei Bayern3? : „Komplett daneben“

Der Radiomoderator Matthias Matuschik redet sich bei Bayern3 über die K-Pop-Band BTS in Rage. Das wird ihm als Rassismus ausgelegt. Der Sender entschuldigt sich, doch der Twittertrend #Bayern3Racist ist da.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.