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Japanische Architektur als Vorbild : Der Fluch des Eigenheims

Ein paar Antworten auf diese Frage stehen in Tokio: Eine davon ist das Moriyama House, mit dem der Architekt Ryue Nishisawa, der zusammen mit Kazuyo Sejima das Architekturbüro Sanaa leitet, den Grundtyp einer Reihe neuer Wohnbauten entwarf, die zurzeit im Bau oder gerade fertiggestellt sind. Dieses sogenannte Moriyama House ist vielleicht das wichtigste Haus unserer Zeit - auch, weil es kein Haus ist. Weil es eine Art Denkgebäude ist, das die Begriffe, mit denen wir das Öffentliche und das Private, das Innen und das Außen und die Idee einer Gemeinschaft definieren, auf eine folgenreiche Weise auseinandernimmt. Weil es das Denken verändert.

Der Bauherr dieses Hauses ist ein Mann, der eigentlich nur seine Ruhe haben wollte. Herr Moriyama verkaufte seine Schanklizenz, um auf einem - für Tokioter Verhältnisse recht großen - Grundstück ein Wohnhaus zu bauen, in dem er unbehelligt Musik hören und Ausstellungskataloge lesen könnte. Er hat das Gegenteil bekommen. Nishizawa baute ihm eine Miniaturstadt aus zehn jeweils ein- bis dreigeschossigen Wohnkuben, die eher an frei stehende Zimmer erinnern. Den größten bewohnt Moriyama selbst, die anderen vermietet er.

Als ich Moriyama besuchte, saß er mit einem Freund vor seiner Box; einer der Mieter, ein junger Architekt, Jack Hogan, saß auf dem Dach seiner Box, auf das eine kleine Leiter führt, und frühstückte in der Morgensonne, irgendwo wehten ein paar Blüten ins Bild. Die Korridore zwischen den Minihäusern haben kein Dach, sondern sind eine Art labyrinthischer Garten; zwischen den Boxen wachsen Bäume. Hogan zahlt 800 Dollar für ein suitengroßes Minihaus mit Dachterrasse mitten in Tokio - dafür bekommt man dort sonst kaum ein dunkles Zimmer. Was war das hier? Eine neuartige Wohnlandschaft, ein Bühnenbild, ein Haus, dessen Flure nicht überdacht sind? Oder eine kleine Stadt mit nur zimmergroßen Häusern?

Ich saß, zum ersten Mal, in einer Wohngemeinschaft, einer Kommune, die funktionierte - weil sie nicht in die falsche architektonische Form gezwungen war. Es war schlagartig klar, dass das Problem der meisten Kommunen und WGs neben dem ideologischen Überbau die Architektur ist. Wenn man zehn Menschen in einer ehemals repräsentativen, aber um einen kleinfamiliären Lebensentwurf herum konzipierten Wohnung mit nur einer Küche und einer Toilette zusammenpfercht, entsteht zwangsläufig eine massiv klaustrophobische Grundstimmung, divergente Hygienevorstellungen kollidieren. Im Moriyama House ist das anders. Hier wohnen jenseits eines Familienverbandes unterschiedlichste Menschen auf engstem Raum zusammen - aber, anders als in einer WG, ohne sich auf die Nerven zu gehen, weil dieses Patchwork aus Freunden und disparaten Menschen eben nicht in eine Altbauwohnung mit nur einer Küche gezwungen wird. Jeder hat ein Mikrohaus mit Bad und Kochplatte. Wer nicht will, nutzt den Gemeinschaftsraum nicht und verlässt die Agglomeration, ohne durch das soziale Labyrinth zu spazieren - das auch eine Wiederbelebung der verlorengegangenen japanischen Kultur des Engawa, des als Kommunikationszone genutzten Zwischenraums von innen und außen, ist.

Neo-Kibbuz trifft auf Contemporary Design

Natürlich hat auch das Moriyama House viele baugeschichtliche Vorbilder: in der Idee des kollektiven Lebens am Bauhaus etwa oder im japanischen Metabolismus, dessen Gebäudezellen sich dem Wandel von Biographien und sozialen Strukturen quasiorganisch anpassen sollten. Neu ist aber, wie hier eine Form von entideologisiertem Kommunitarismus zu Architektur wird - und einen Lebensentwurf vorführt, der den Zwang zum abgeschotteten Privathaus klassischer Prägung in Frage stellt. Wenn der „My home is my castle“- Traum, für den sich Ministerpräsidenten und Millionen Amerikaner in Schulden stürzten, die bauliche Manifestation eines spätkapitalistischen Defensivindividualismus ist, der sich mitsamt seinen Insassen gerade selbst zerstört hat, scheint hier eine neue Möglichkeit für das Leben nach dem Kollaps einer westlichen Wohlstandsgesellschaft auf, die hartnäckig und gegen alle ökonomische wie ökologische Vernunft von einem Grundrecht auf repräsentative Einfamilienhäuser ausging.

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