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Japanisch-chinesischer Inselstreit : Rückkehr der Vorkriegsgeister

  • -Aktualisiert am

Die Wacht im Ostchinesischen Meer: Japan und China belauern sich im Ringen um eine umstrittene Inselgruppe Bild: dapd

Im Ostchinesischen Meer geht es nicht nur um ein paar Inseln: Japan und China definieren ihre weltpolitischen Rollen neu - und beleben unverhohlen nationale Opfermythen wieder.

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          Im neuen Jahr hat sich der Ton zwischen China und Japan, die sich um eine Inselgruppe streiten, beunruhigend verschärft. Das chinesische Militär wurde laut der offiziellen Zeitung der Volksbefreiungsarmee aufgefordert, sich „2013 für einen Krieg bereitzuhalten“; das staatliche Zentralfernsehen CCTV spielte tagelang verschiedene denkbare Konfliktszenarien durch. Der wichtigste außenpolitische Berater des frisch gewählten japanischen Ministerpräsidenten Abe griff China in Hongkong scharf an und sagte, Tokio sei bereit, sein „ruhendes Recht auf kollektive Verteidigung zu aktivieren“. Amerika, das im Ernstfall zum Beistand Japans verpflichtetet wäre, übt Druck auf Abe aus, der Kontroverse die Spitze zu nehmen. Die Regierung in Tokio hat nun einen Emissär nach Peking geschickt, mit einem handgeschriebenen Brief Abes an den chinesischen KP-Chef Xi Jinping im Gepäck.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch die Lage bleibt gefährlich, da der Seeraum um die umstrittenen Inseln, von China Diaoyu, von Japan Senkaku genannt, von beiden Staaten grundsätzlich verschieden interpretiert wird: Japan hält seine Verwaltung der Inseln für ein international anerkanntes Recht und leugnet sogar jeden Souveränitätsstreit, während China diesen Anspruch vor allem seit der Erklärung der japanischen Regierung im vergangenen Jahr, sie habe die Inseln „gekauft“, als illegale Usurpation seiner seit Jahrhunderten verbrieften Rechte auf die Inseln betrachtet. Deshalb begegnen sich seit Monaten in und über den Gewässern Patrouillenboote und Kampfflugzeuge der beiden Länder, die unterdessen keinerlei Regularien zur Vermeidung von Zusammenstößen und daraus folgenden Eskalationen ausgehandelt haben.

          China als neue Seemacht

          Und die Situation wird noch brenzliger durch den gewandelten ideologischen Rahmen, in den sie eingebettet ist: Beide Länder sind gerade dabei, ihre historische Rolle in der Region neu zu definieren. Das macht die Inseln weit über die wirtschaftliche und strategische Funktion hinaus, die ihnen für sich genommen zukommt, zum Testfall fürs nationale Selbstbewusstsein und für die Glaubwürdigkeit der frisch installierten Führungsmannschaften der Staaten.

          In China hatte Präsident Hu Jintao im November feierlich verkündet, das Land wolle seine jahrtausendelange Kontinentalfixierung überwinden und zur Seemacht werden: „Wir sollten unsere Fähigkeit steigern, die Ressourcen der Meere auszuschöpfen, Chinas Rechte und Interessen auf den Meeren entschieden zu verteidigen und China zu einer Seemacht zu machen.“ Das entspricht zwar einer schon in den neunziger Jahren eingeleiteten Entwicklung, doch der Zeitpunkt und die Grundsätzlichkeit der Deklaration ließen aufhorchen. Spätere Kommentare in der Parteizeitung „Renmin Ribao“ nahmen auf den chinesischen Seefahrer und Entdecker Zheng He Bezug, der im fünfzehnten Jahrhundert bis nach Afrika gelangte.

          Alte Wunden

          Dass die Herrscher der Ming-Dynastie diese Expeditionen abbrachen, um sich wieder ganz auf das Landesinnere zu konzentrieren, wurde später von vielen als Anfang vom Ende des Chinesischen Reichs gedeutet, als Beginn einer isolationistischen Verknöcherung, die China im neunzehnten Jahrhundert zum Spielball der europäischen Seemächte machen sollte. Wenn China jetzt selbst zu einer Seemacht werden will, ist der geschichtspolitische Subtext daher unverkennbar: Es soll damit auch eine historische Wunde geschlossen und ein Element installiert werden, das zur Wiederherstellung der früheren Größe noch fehlt.

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