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Jamie Oliver im Porträt : Ein toller Kohlgestank

  • -Aktualisiert am

Beißt sich die Zähne an der Schulverpflegung aus: Jamie Oliver Bild: dpa

Er ist der Prototyp des TV-Action-Cooking und seinen Nachahmern wie Tim Mälzer auch sonst einen Schritt voraus. Seine Kochprojekte in Schulen und für arbeitslose Jugendliche sind vorbildlich. Im Grunde ist Jamie Oliver Pädagoge, meint Jürgen Dollase.

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          Am morgigen Samstag wird mit Jamie Oliver der weltweit wohl bekannteste Fernsehkoch der Gegenwart in der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst zwei Kochshows geben. Der einunddreißigjährige Brite ist zum Rollenmodell für eine ganze Generation von Fernsehköchen geworden, die Kochen in aufgelockerter Manier und mit, wie sie behaupten, weniger dogmatischen Inhalten vermitteln wollen.

          Die so vorgeführte Art des Kochens ist nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil die volkstümlichen Schulmeister die kulinarischen Sozialisationsdefizite und deren gewaltige Auswirkungen nicht ernsthaft beim Namen nennen, sondern letztlich nur das alte, geschmäcklerische System in vereinfachter oder trivialisierter Form weiterbetreiben. Hinter der Befreiung, die die Showköche den nachkochenden Amateuren versprechen, steht, was man bisher allgemein übersieht, ein autoritäres Muster, wird doch ein in vielerlei Hinsicht reduziertes kulinarisches Verhalten absolut gesetzt.

          Kampf gegen die Mikrowelle

          Es ist eine merkwürdige Fügung, dass ausgerechnet der Urheber des Ganzen andere Akzente setzt. Oliver scheint Verantwortung übernehmen zu wollen für die Entwicklung, die er losgetreten hat. Schon vor fünf Jahren hat er damit begonnen, arbeitslose Jugendliche in einem Restaurantprojekt einzusetzen (“Fifteen“), das eben nicht als einmalige Medienaufführung begann und endete, sondern fortgeführt wurde und sich international verbreitet. Im Jahre 2004 begann er eine Kampagne zur Verbesserung der britischen Schulnahrung, die mit Unterstützung durch Premierminister Blair zur Umstellung von Speiseplänen in Musterschulen führte - allerdings auch große Schwierigkeiten der Akzeptanz offenbarte.

          Oliver mit Teilnehmern an seinem Projekt „Fifteen” in Amsterdam
          Oliver mit Teilnehmern an seinem Projekt „Fifteen” in Amsterdam : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Befragt man Oliver zu seinen pädagogischen Ideen, tritt eine ausgewogen wirkende Mischung aus Kritik und realistischen Perspektiven hervor. Es zeigen sich aber auch erste Spuren der Begegnung mit der zähen Realität. Oliver gibt an, dass seine Bemühungen nicht als Strategie zu verstehen sind. Er möchte kein Politiker im weiteren Sinne werden und beklagt, dass seine Ideen in der Umsetzung meist „sehr, sehr schwierig und zeitaufwendig“ seien. Von der kulinarischen Erziehung verspricht er sich ganz grundsätzlich einen genuin positiven Effekt auf die Gesellschaft. Das Kochen solle Pflichtfach an den Schulen werden, wo eine „ganze Generation heranwächst, die glaubt, eine Mikrowelle sei der Höhepunkt des Kochens“. Die Bedeutung des Faches ordnet Oliver mindestens auf gleicher Höhe mit Fremdsprachen oder Naturwissenschaften an: „Es ergibt keinen Sinn, die Schule zu verlassen und zwar etwas über Mathematik zu wissen, nicht aber darüber, wie man sich ein nahrhaftes, gut schmeckendes und nicht zu teures Gericht zubereitet.“

          Die Methodik des „fun“

          Die Bilder von den ersten Reaktionen auf seine Versuche zur Verbesserung der Schulverpflegung gingen rund um die Welt. Man sah verhüllte junge Mädchen muslimischen Glaubens, die den angebotenen Rosenkohl „einfach ekelhaft“ fanden, oder christliche Mütter, die in der Pause Fastfood über den Zaun der Schulen reichten, damit ihre Kinder „etwas Vernünftiges zu essen“ bekamen. Die Enttäuschung bei Oliver über die Aufnahme dieser eben nicht strategisch geplanten und daher etwas zusammenhanglosen Aktion war groß. Mittlerweile glaubt er an Chancen zur Verbesserung nur unter der Voraussetzung, dass alle Beteiligten in der Nahrungskette, von den Eltern und der Schulleitung bis hin zu den zuständigen Verwaltungen und andererseits den Mitarbeitern bei der Essensherstellung und -ausgabe gemeinsame Sache machen: „Wenn nur einer von diesen nichts davon wissen will, fällt alles auseinander.“

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