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„Last Night of the Proms“ : Love, Britannia

  • -Aktualisiert am

Traditionsreich: Zuschauer im Konfettiregen bei der „Last Night of the Proms“ 2018 Bild: Reuters

Der Brexit ist überall: Auch bei der traditionsreichen „Last Night of the Proms“ wird Politik gemacht. Die amerikanische Mezzosopranistin Jamie Baron stahl mit ihrem Statement jedoch allen die Schau.

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          Mit ihren eigenwilligen Riten gilt die traditionelle Last Night of the Proms als Inbegriff von britishness – gleich, ob die partizipative musikalische Gaudi als harmloser Ausdruck patriotischen Frohsinns empfunden, als postimperialer Selbstbetrug und Demonstration kleinenglischen Triumphalismus verspottet oder mit ironischer Belustigung genossen wird. Das Schunkeln zu „Auld Lang Syne“ und die aus voller Kehle gesungenen inoffiziellen Nationalhymnen „Rule Britannia“, „Land of Hope and Glory“ und „Jerusalem“ haben im Laufe der Jahre in wechselndem Maße Begeisterung, Belustigung und Irritation hervorgerufen.

          Sir Henry Wood, der Gründer dieser jährlichen Promenadenkonzerte, gestand, er hätte sich niemals träumen lassen, dass seine eigene, 1905 zur Hundertjahrfeier des Sieges von Trafalgar komponierte Phantasie nach Matrosenliedern zum festen Bestandteil des Abschlusskonzerts werden würde. In seinen Erinnerungen schildert Wood das Gefühl, das ihn überkam, wenn er auf das Gesichtermeer im Saal herunterblickte und den großen Amateurchor dirigierte: Dann wisse er, dass er britisch sei und dass der Geist Nelsons auf immer fortleben werde.

          Inzwischen würden wohl selbst leidenschaftliche Brexiteers sich kaum trauen, ihren Patriotismus derart unbefangen zum Ausdruck zu bringen. Bei der BBC, die das Musikfest ausrichtet, machten führende Köpfe bereits in der Thatcher-Ära keinen Hehl daraus, dass die Last Night of the Proms eher eine populistische Peinlichkeit sei, die mit möglichst geringem Hurra über die Bühne zu bringen sei. Der Brexit hat ihnen diesbezüglich frisches Kopfzerbrechen bereitet. Seit dem Referendum machen remainer ihren Verdruss durch die kostenlose Verteilung von Europafahnen im Publikum sichtbar, um zugleich die universale Sprache der Musik zu feiern und gegen die möglichen Auswirkungen eines EU-Austritts auf den Konzertbetrieb zu demonstrieren.

          Diese schwarmfinanzierte Initiative ist in diesem Jahr so erfolgreich gewesen, dass das europäische Sternenbanner den Union Jack in der Royal Albert Hall tatsächlich übertrumpft hat. Bei „Jerusalem“ kam es in der Arena zu einer kleinen Rauferei, als ein Mann mit einem besternten Barett einige Brexit-Anhänger daran zu hindern suchte, ein Transparent mit der Forderung „Brexit Now“ hoch zu halten. Die amerikanische Mezzosopranistin Jamie Baron hat jedoch allen die Schau gestohlen, als sie bei ihrer herzhaften Intonation von „Rule Britannia“ die Regenbogenfahne der Pride-Bewegung schwenkte. Der Jubel in der Halle bewies, dass sich das Publikum eher unter dem Banner sexueller Vielfalt vereinen könnte als unter den Emblemen nationaler oder europäischer Identität.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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