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James Brown ist tot : Seele auf Feuer

  • -Aktualisiert am

War für seine lebhaften Bühnenauftritte bekannt: James Brown Bild: dpa

„James Brown ist keine Person, sondern eine Vibration, ein Tanz.“ So hat sich die amerikanische Soullegende zu Lebzeiten selbst beschrieben. Am Montag starb der Sänger im Alter von 73 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Eine Hommage auf den „Godfather of Soul“.

          Good god! Bevor James Brown im Stadtpark von Birmingham, Alabama, im Tippelschritt die Bühne betritt, röhrt noch einmal die bekannte Ansage: „Ladies and Gentleman, Soulbrother Number One, the Godfather of Soul, the hardest working man in showbusiness . . . Mister Jaaaaames Brown!“ Dann deutet der pomadisierte Greis einen Spagat an, rutscht mit den Füßen ein wenig auf der Stelle, gebietet der Band mit majestätischem Fingerwink einen Tusch und spult sich mit grimmiger Entschlossenheit durch vierzig Jahre Hitgeschichte.

          Doch die Show wirkt allzu kalkuliert. Eine Parodie, die keine sein will. Das schwarze Publikum jedenfalls, das eben noch Bobby Blue Blands Mahnung an einen tanzenden kleinen Jungen - „Übertreib es nicht, du könntest James Brown die Show stehlen“ - mit herzhaftem Gelächter quittierte, zieht, Klappstühle und Eisboxen im Schlepptau, ab und überläßt das Feld den nachströmenden weißen Fans. Spätbekehrte, die James Brown erst seit dem Auftritt als ekstatischer Prediger im Film „Bluesbrothers“ kennen. Oder als Sample aus tausendundeinem Hip-Hop-Hit. Und nun vor allem die Willenskraft des über Siebzigjährigen bestaunen: noch einmal die „Mashed Potatoes“ zu steppen, im „Moonwalk“ zu gleiten - und sich offensichtlich nicht zu fragen, für wen der Hocker am Bühnenrand gedacht war.

          Mit fast schon krimineller Energie auf die Tube drücken

          James Brown brauchte das: Eisern weiterzumachen, wo andere längst aufgehört hätten. Mit - nun ja - fast schon krimineller Energie auf die Tube zu drücken. Bis zum Schluß. Der 1933 in einer ärmlichen Hütte in Barnwell, South Carolina, geborene Sänger war als Sechzehnjähriger wegen Autodiebstahls zu drei Jahren verdonnert worden und hatte dort einen Gospelchor auf die Beine gestellt. 1952 nahm Bobby Byrd den Ex-Sträfling in seine Doowop-Gospel-Gruppe auf. Bald stand er im Zentrum der Bühne. Die Band benannte er um: James Brown And His Famous Flames. Flammen konnte er werfen: Ob der Sänger seine Band wie ein Zirkusdirektor herumscheuchte, ob er sich die Knie blutig scheuerte oder im Boxer-Kapuzenmantel winselnd und flehend zu Boden ging.

          Jenseits der Bühne: James Brown

          Nach seinem ersten Erfolg „Please, please, please“ im Jahre 1956 belegte James Browns roher, hemmungsloser und energischer Gesang einen Dauerplatz in der schwarzen Musikwelt. Zumindest für die nächsten zwanzig Jahre. Aus dem Schuhputzjungen war die Stimme des schwarzen Amerika geworden. Gleichzeitig entwickelte Brown napoleonische Züge: Er verhängte gegen seine Bandmitglieder Geldstrafen für Verspätungen, Schlamperei, unpräzise Tanzbewegungen und falsche Noten. Wenn er auch oft wie die Karikatur des kleinen Mannes mit einem überdimensionierten Selbstgefühl wirkte - er unterstrich seine Ansprüche mit einem musikalischen Paukenschlag nach dem anderen: Hatte er bis Anfang der sechziger Jahre noch mit anschwellenden Halsadern seine heiseren Liebesschwüre gesungen, attackierte er nun den Beat, flankiert von zwei Schlagzeugern, hörte er selbst Gitarren und Bläser nur noch wie Trommeln. „Out Of Sight!“: Mit diesem Schrei katapultiert Brown den Pop 1965 in ein neues Energiestadium: den Funk. Das Komprimieren der rhythmischen Elemente zum eigentlichen Song - eine Idee, die Disco, Hip-Hop, House und Techno vorwegnahm.

          „In meinem Herzen bin ich schwärzer als jeder andere“

          Nach der Ermordung Martin Luther Kings im April 1968 überredete Brown den Bürgermeister von Boston, sein am Abend des Attentats angesetztes Konzert im Fernsehen zu zeigen: Boston blieb in der Folge von den Verwüstungen anderer Städte verschont. „Stay cool“, predigte Brown und: „Learn, don't burn.“ Doch Brown machte es seinen Fans nie leicht: Vielen galt er als über die Wünschbarkeit hinaus „amerikanisch“. Nachdem er das patriotische „America Is My Home“ einspielte, brandmarkten ihn radikale schwarze Führer wie Amiri Baraka als „Onkel Tom“.

          Später spielte er zur Amtseinführung von Richard Nixon und unterstützte Ronald Reagan - Sozialabbau hin oder her - mit dem Song „Living in America“. „In meinem Herzen bin ich schwärzer als jeder andere“ - mit diesen Worten antwortete er auf die Kritik. Und belegte das 1968 mit dem Nummer-eins-Hit: „Say It Loud I'm Black And I'm Proud“. Provokative Zeilen wie „We'd rather die on our feet than be working on our knees“ kosteten James Brown damals einen Teil seines weißen Publikums. Für viele enttäuschte Afroamerikaner aber kam die Botschaft wie eine Befreiung. „Say It Loud“, so der Politrapper Chuck D, „bereitete mich auf die dritte Klasse vor - und den Rest meines Lebens. Black and Proud, Schwarz und Stolz drückte nun aus, wofür wir standen.“

          James Brown lebte sein Testosteron

          Nicht nur die Beats, auch die Themen des Hip-Hop nahm James Brown vorweg: Wenn der schwarze Kapitalist mit seinem Limousinenpark und Learjet prahlte, dann bewunderten ihn viele schwarze Jugendliche gerade deswegen. Und welcher Macho-Vorwurf kam schon gegen den unwiderstehlichen Rhythmus von „Sex Machine“ an? James Brown lebte sein Testosteron und setzte die sexuelle Macht über die politische Korrektheit. Bezeichnend, daß der Sänger 1988 nach einer Verfolgungsjagd mit Dutzenden Polizeistreifen nicht nur wegen Angriffs mit Tötungsabsicht auf Polizeibeamte, sondern auch wegen Gewalttätigkeit gegen seine dritte Ehefrau Adrienne zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

          Am Montag abend verstarb der härteste Arbeiter im Showgeschäft nach einer Lungenentzündung. Nein, James Brown kann auch posthum nicht zum Humanisten verklärt werden. Aber seiner Musik gehört schon jetzt das ewige Leben. Wie hatte er es einmal selbst formuliert? „James Brown ist keine Person, sondern eine Vibration, ein Tanz.“ Good god!

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