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Sondierungsgespräche : Wir waren zu freundlich

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Ich musste an den Film „Matrix“ denken

In den Wochen nach Jamaika habe ich mich erneut gefragt, was ich eigentlich in der Politik mache, was Ziel und Zweck von alldem ist. Ich musste an den Film „Matrix“ denken. Die Hauptfigur Neo sieht zum zweiten Mal eine schwarze Katze über die Straße laufen. Er sagt, er habe gerade ein Déjà-vu gehabt. Seine Verbündete Trinity antwortet: „Ein Déjá-vu ist eine Panne in der Matrix. Es passiert, wenn sie etwas ändern.“ Die Matrix steht in dem Film für eine perfekt programmierte Welt, die keine Abweichung zulässt. In dem letzten Jahr, dessen Januar mir heute wie ein Déjà-vu vorkommt, hat sich auch unsere Welt - und wie sie programmiert war - geändert. Möglicherweise deutet das auf einen Fehler, eine Panne hin.

Jedenfalls wird das Gefühl, dass sich die Welt, wie wir sie kannten, verändert, immer stärker. Die Jahre der bequemen Übersichtlichkeit der politischen Welt sind vorbei. Im Jahr 2017 ist Deutschland auch politisch in der Nach-Moderne angekommen. Neue, die alten Lager überspannende politische Bündnisse müssen geschlossen werden. Die Volksparteien verlieren zunehmend an Bindekraft und damit auch ihre stabilisierende Wirkung auf die Demokratie. Das gilt erst recht, wenn es nochmals zu vier Jahren Großer Koalition kommen sollte. Und für die linksliberalen politischen Kräfte ist nicht ausgeschlossen, dass sie marginalisiert werden und am Ende der vier Jahre ums Überleben kämpfen müssen. Es kann sein, dass das grüne Projekt in diesen Jahren zu Ende geht. Es kann aber auch sein, dass wir die gesellschaftliche Hoffnung nach Aufbruch und Idealismus politisch einlösen und zu einer wirklichen Bewegung machen können. Deutschland und die Grünen stehen an einem Scheideweg.

In dieser Situation habe ich mich gefragt, was ich tun und welche Verantwortung ich tragen kann. Irgendwie wiederholt sich für mich gerade der Moment, als ich als Schriftsteller und Vater zum ersten Mal zu einer parteipolitischen Versammlung fuhr. Ich war in meinem Leben sehr glücklich, aber es war auch sehr subjektiv. Politik ist das Gegenteil davon: Sie will etwas für die Allgemeinheit erreichen. Und dass das möglich sein kann, hat damals eine Leidenschaft in mir entfacht.

Wir sind die Matrix

Der gleiche Antrieb ist es auch jetzt. Ich habe mit der Ministerverantwortung für alles, was draußen ist, den besten Job, den ich mir vorstellen kann, aber ich glaube, ich kann mehr tun. Gerade in dieser politischen Situation, zum Jahreswechsel 2017/18, denke ich: Wenn jetzt nicht jeder, der glaubt, einen Beitrag leisten zu können, aus dem Quark kommt, und du auch, Robert, wann denn dann? Und so habe ich vor ein paar Wochen beschlossen, als Bundesvorsitzender der Grünen zu kandidieren und so gut es geht dazu beizutragen, dass meine Partei Kraft schöpft und wir unser Profil schärfen.

Jedenfalls gibt es einen großen, entscheidenden Unterschied zu dem Bild der Matrix, wie sie im gleichnamigen Film vorgeführt wird. Der Film suggeriert, es gäbe eine anonyme Macht, die uns fremdbestimmt und den Lauf der Welt regelt. Aber diesen Lauf gibt es nicht. Und es gibt auch niemanden, der ihn abstrakt regeln würde. Es gibt nur das, was wir draus machen. Wir sind die Matrix. Alles kann passieren. Und alles kann schiefgehen. Aber es ist ein großes Privileg und Glück, dabei zu sein. Und immer wieder wagen, zu beginnen.

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