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Sondierungsgespräche : Wir waren zu freundlich

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Und viertens entstand durch permanente Indiskretionen eine Atmosphäre des Misstrauens. Es läuft in solchen Verhandlungen nun mal nur dann erfolgreich, wenn irgendjemand einen halben Schritt von dem eigenen Parteiprogramm wegmacht, in der Hoffnung, das Gegenüber zieht nach. Dafür braucht es einen Vertrauensraum. Wenn aber alles stets wie in einem Livestream 1 : 1 nach außen getragen wird, dann passiert das Gegenteil. Die Leute plustern sich auf und gehen in den Nahkampf, weil sie ja wissen, dass sie damit bei den eigenen Anhängern punkten. Als wir gerade das Agrar-Kapitel verhandelten und Katrin Göring-Eckardt und ich einmal uneinig waren und die Sitzung kurz unterbrachen, lasen wir beim Rausgehen auf „Bild Online“: Neue Front bei Jamaika - Göring-Eckardt gegen Habeck. Live. Wie gedoppelt. So ging das natürlich nicht.

Merkwürdig biedere Atmosphäre

Für mich ist die Erinnerung an Jamaika eine seltsame. Die merkwürdig biedere Atmosphäre in der Parlamentarischen Gesellschaft mit den ganzen Faltentischdecken und Kellnern im weißen Frack, die müden und ratlosen Gesichtszüge der deutschen Spitzenpolitiker, die vielen Personenschützer, die völlig sinnlos Stunde um Stunde auf den Fluren saßen, nur weil jemand wohl nicht nachgedacht und sie nicht abbestellt hatte, die Fahrradfahrten nachts um vier durch Berlin, die nervigen Telefonkonferenzen, die Strategietreffen im Prenzlauer Berg, in denen wir uns abstimmten, die großen Gläser Minze-Ingwer-Tee, die immer alle tranken ... In meiner Erinnerung glichen die Sondierungen einer zu langen Klassenfahrt im zu engen Bus – 16 Stunden von Flensburg nach Garmisch. Irgendwie denkwürdig und irgendwie ätzend. Und dann kamen wir noch nicht mal an.

Als die Sondierungen scheiterten, saß ich im Raum der CDU zusammen mit Ursula von der Leyen, Daniel Günther, Hermann Gröhe und Peter Tauber. Wir Grünen hatten eine Messenger-Gruppe eingerichtet, um schnell miteinander kommunizieren zu können. Erst erreichten mich Nachrichten aus dieser Gruppe vom Auszug der FDP, dann erzählte Peter Tauber, die FDP habe eine Pressemitteilung verschickt, dass sie die Sondierungen beendet habe. Noch glaubten einige, dass es sich um ein Manöver handelte, um den Preis hochzutreiben. Aber dann kamen die Liberalen die Treppe der baden-württembergischen Landesvertretung herunter, gingen wortlos in ihren Sitzungsraum, holten die anderen Kollegen, nahmen ihre Jacken, Taschen und Rucksäcke und verließen uns wortlos. Kein Tschüss. Kein Scherz. Kein Winken. Und wir anderen standen inzwischen alle da wie begossene Pudel oder verlassene Liebhaber.

Doch plötzlich, als der Druck gewichen war und Enttäuschung sich breitmachte, löste sich die Stimmung. Hausherr Kretschmann, sonst immer bleiernste Miene, rief als Erster: Ich gebe einen aus. Dabei waren die Getränke schon den ganzen Tag frei. Ich holte Bier für alle Umstehenden, ob CDU, CSU oder Grüne, egal. Und Peter Altmaier lobte jeden Grünen, den er traf, wie konstruktiv wir verhandelt hätten.

Dass wir an dem Abend trotzdem gescheitert sind, ist der Moment, von dem man vielleicht rückblickend sagen wird, dass er die Parteienlandschaft in Deutschland verändert hat. Es wird nach dem Bruch und den gegenseitigen Vorwürfen nun ungleich schwerer, Bündnisse jenseits der Großen Koalition zu schmieden. Ob Angela Merkel nochmals als Spitzenkandidatin der Union antritt, ist ungewiss. Ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger wird vermutlich nicht gerade liberaler sein als sie. Auch Seehofer - merkwürdig genug, das zu schreiben - wird vermutlich rechts überholt werden in der CSU. Und die Äußerungen von Christian Lindner lassen auch die FDP immer weniger zu einem Partner für die Grünen werden. Den Staat als eine „Kleptokratie“ zu bezeichnen, wo eine Minderheit die Mehrheit ausraubt, ist Tea-Party-Jargon von Anwälten und Managern. Und von einer „Geld-Pipeline von Deutschland in andere europäische Länder“ zu sprechen, wenn es um die Probleme der Eurozone geht, ist das Gegenteil von konstruktiver Politik, sondern bedient populistische Vorurteile. Will sagen: Koalitionen mit den sogenannten Bürgerlichen Parteien werden für die Grünen noch mal schwieriger. Aber auch die politische Linke ist unsortiert. Die Linke spuckt zum Teil offen nationalistische Töne, die SPD ist programmatisch, politisch und personell ausgelaugt und das wird sich in einer erneuten Koalition wohl kaum ändern.

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